Freitag, 25. Mai 2018

Umzüge und Co.

Heute gibt es eine Leseprobe :-)

"Umzug nach Sylt"

... heißt das Buch ... und hier findet ihr es :-)


Mein Papa



Nur kurz erzählte ich Franky von meiner Männertour nach Rügen und davon, dass ich durch die Männertour den Blick dafür gefunden hatte, was ich wirklich wollte. Auch Antje und unsere Trennung erwähnte ich nur am Rande. Für einen kurzen Augenblick hatte er ein Lachen auf den Lippen, als ich von unserem Trennungs-Heiligabend erzählte.

Da Franky selber ein leidenschaftlicher Surfer gewesen war und noch immer alles fotografiert, was mit diesem Sport im Zusammenhang steht, freute er sich sehr für Carlos und war fast sprachlos über seinen Willen und die vollbrachte Leistung. Genauso sprachlos war er auch, als ich davon erzählte, dass Anton und ich nach einer langen Freundschaft, jetzt keinen Kontakt mehr hatten.

Ich sprach weiter, musste aber, bevor ich reden konnte, erst einmal Schlucken und tief durchatmen, da mir wieder Tränen aus den Augen liefen.

Dann ging es und mit leiser Stimme fing ich an davon zu erzählen, was an dem bisher schlimmsten Tag in meinem Leben passiert war.

Nachdem ich meine Zelte auf Rügen abgebrochen hatte, habe ich mir eine Wohnung in dem Haus genommen, in dem auch meine Eltern wohnen. Ich wollte dicht bei ihnen sein, da mein Papa eine schwere Krankheit hatte und in den letzten Wochen körperlich sehr stark abgebaut hatte.

Franky sah mich fragend an,

„Wieso hatte? Welche Krankheit hat dein Vater? Ist es Krebs?“, wollte Franky wissen.

Ich sprach weiter und klärte Franky darüber auf, dass mein Papa, leider viel zu früh, von mir gegangen ist. Krebs war es nicht. Er hatte eine gemeine Krankheit, die seine Muskeln immer schwächer werden ließen und er oft tagsüber und in der kompletten Nacht unter einem Sauerstoffgerät liegen musste.

An diesem Abend war ich kaputt vom Sport und davon, dass ich den ganzen Tag an meinem neuen Buch geschrieben hatte. Gegen einundzwanzig Uhr schlief ich beim Fernsehen ein. Ich hatte kurz vorher noch auf die Uhr geschaut und schon war ich im Land der Träume.

Genau zur selben Uhrzeit rief mein Papa, der schon unter der Maske im Bett lag, nach meiner Mutter. Sie zog ihn hoch und nahm ihm die Maske ab, damit er mit ihr sprechen konnte. Doch er brachte keine Worte heraus, er hielt die Hand meiner Mama und drückte sie so stark, wie er es eigentlich gar nicht mehr konnte. Als meine Mama ihm die Maske wieder aufsetzen wollte, ließ er sich nach hinten fallen und drehte seinen Kopf zur Seite. Er wollte diese Maske nicht mehr. Er wollte und konnte nicht mehr leben.

Meine Mama rief den Notarzt und setzte sich wieder zu meinem Papa, um ihm die Sauerstoffmaske auf das Gesicht zu drücken.

Ich schlief während dieser Zeit tief und fest und wurde nur deshalb wach, weil ich Durst hatte. Als ich in die Küche ging, blickte ich automatisch aus dem Fenster und sah diverse Notarzt- und Feuerwehrwagen vor der Haustür stehen.

Dann klopfte es auch schon und ein Arzt holte mich hoch, in die Wohnung meiner Eltern. Mein Papa war gestorben. Aber so, wie er es sich gewünscht hatte. Zuhause und ohne Schmerzen. Ihm blieb das Pflegeheim erspart. Er brauchte sein Leben nicht unter einer Sauerstoffmaske und mit künstlicher Ernährung beenden. Er ist so gegangen, wie er es wollte.

Wir schwiegen einige Minuten!

„Es tut noch immer so weh.“

„Das kann ich dir nachfühlen. Mein allerherzlichstes Beileid.“

„Dankeschön. Weißt du was. Ich mache mir manchmal solche Vorwürfe.“

„Weshalb? Du konntest doch nichts ändern.“

„An dem Tag, an dem er von mir gegangen ist, war ich nicht oben bei meinen Eltern. Ich war sonst jeden Tag dort, nur an diesem Tag nicht. Bevor wir von der Krankheit wussten, habe ich ihn auch noch immer angemacht, weil er so ein fauler Sack geworden war.“

„Nick, du wolltest ihm doch nur helfen. Darüber darfst du dir keine Vorwürfe machen! Du hast es gut gemeint. Dass du an diesem Tag nicht bei ihm gewesen bist, sollte vielleicht so sein. Vielleicht wollte, wer auch immer alles von dort oben steuert, dass deine Eltern diesen letzten Tag für sich alleine haben.“

„Meinst du? Gibt es so etwas?“

„Es gibt alles! Und, wenn man daran glaubt sowieso!“

„Aber es ist ganz oft eine tiefe Leere in mir.“

„Sei froh darüber. Das bedeutet doch, dass alles gut zwischen dir und deinem Vater war. Stell dir vor, diese Leere wäre nicht vorhanden. Dann hättest du einen Grund für Vorwürfe. Diese Leere kenne ich, die habe ich manchmal heute noch und der Sterbetag von meinem Vater ist schon erheblich länger her.“

„Du hast wohl recht. Aber was mache ich dagegen?“

„Nichts. Leb dein Leben und mache, was gut für dich ist. Dann wird dein Vater von oben zusehen und stolz auf dich sein.“

Wir schwiegen wieder eine ganze Weile. Erst als ich meinen Unterarm von meiner Jacke befreit hatte und Franky meine Tätowierung zeigte, die ich mir für meinen Papa habe stechen lassen, ging unser Gespräch weiter.

„Coole Idee. Ich war zu feige dafür. Hat es sehr wehgetan?“

„Ging so. Ich bin halt ein harter Kerl.“, wir lachten und Franky deutete auf die vollen Bierflaschen, die wir inzwischen neben uns auf dem Balkon gestellt hatten.

„Klar. Ich kann jetzt sowieso nicht schlafen.“

„Hier Nick, nimm.“

Ich nahm die neue Flasche und wir stießen auf unsere Väter an, die wahrscheinlich gerade unser Gespräch von oben belauscht hatten und hoffentlich sehr stolz auf uns waren.

„Aber ich habe mich von meinem Papa verabschiedet. Als die Ärztin weg war, bin ich noch mal, bevor mein Papa abgeholt wurde, zu ihm ans Bett gegangen.“

„Das ist doch gut. Darf ich fragen, was du ihm gesagt hast?“

„Ich habe mich für die tollen Jahre bedankt. Ich habe ihm gesagt, dass er ein supertoller Papa war und ihm versprochen, dass ich immer für Mama da sein werde und auf sie aufpasse.“

Franky sagte nichts. Er war jemand, der wusste, wann Sätze oder auch nur Worte überflüssig waren.

„Wollen wir morgen zusammen zum Frühstück ins Diavolo gehen und uns jetzt noch eine Mütze Schlaf holen?“, Franky war während seiner Worte aufgestanden.

Ich brachte ihn zur Wohnungstür und als ich ihn mit den Worten, dass er sich auf dem Heimweg nicht verlaufen sollte, verabschiedete, lachten wir beide.

Wortlos nahmen wir uns in die Arme und drückten uns.

Zeitgleich schlossen wir unsere Wohnungstüren und hatten wahrscheinlich den gleichen Gedanken dabei.

Zumindest hoffte ich es. Ich dachte daran, dass es ein sehr schöner Abend war. Trotzdem freute ich mich auf mein Bett und auf die erste Nacht in meinem neuen Leben.

Und das Schönste war, mein Papa war dabei!

Hatte er die Sternschnuppe hinunter auf die Erde, hierher nach Sylt geschickt? War es ein Zeichen? Ein Zeichen dafür, dass es der richtige Augenblick war, meinen Gedanken frei zu lassen und Franky davon zu erzählen?

Wie auch immer. Der Abend tat mir gut und ich glaubte, mein Papa war in diesem Moment sehr stolz auf mich!

Ich war auf dem Weg ins Land der Träume, als mein Handy vibrierte. Ich hatte es zwar auf lautlos gestellt, da es aber auf dem Holznachtschrank lag, konnte ich die Vibration hören und wurde geweckt.

Da meine Neugier größer war als die Müdigkeit, sah ich nach und erkannte, dass die Nachricht von Geilomatenfranky war. Zumindest hatte ich ihn noch so in meinem Handy gespeichert.

Hey mein Bester, danke für den schönen Abend. Es tat gut, mit dir zu reden und auch zu schweigen! Bis morgen zum Frühstück. Ich hole dich um 9:30 Uhr ab. LG Frank(y)

Nachdem ich die Nachricht gelesen hatte, ging ich auf Antworten und schrieb:

Nein Frank(y), ich habe zu danken! Es tat gut, den Abend mit dir zu verbringen. Freue mich auf morgen. LG Nick

Bevor ich das Handy wieder auf den Nachtschrank legte, machte noch eine Sache. Ich änderte den Eintrag Geilomatenfranky in Frank(y). Er hatte es sich verdient.

Zum ersten Mal seit langer Zeit schlief ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

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