Donnerstag, 2. Februar 2017

Lieblingsstelle

Oder zumindest eine von vielen ;-)


Ja, ich mag diese Stelle im Buch. Genau wie ich den Typen selbst mag. Diesen Waldschrat, diesen Wolf und sogar Götz Ehrlicher, wie er im wahren Leben heißt.

Vielleicht mögt ihr diesen Teil ja auch? Eventuell macht sie euch so neugierig, dass ihr ganze Buch lesen möchtet?



Viel Freude mit der Leseprobe

Als ich vor zwei Wochen in der Zitze gewesen war, hatte ich nicht nur von Heinrichs Tod erfahren. Es wurde auch darüber gesprochen, dass die Beerdigung ohne einen Grabstein stattfinden würde. Würde? Nein, sie musste es, da Heinrich weder Verwandte noch genügend Geld für eine vernünftige Beerdigung hinterlassen hatte.
Heinrich war besonders. Mit ihm hatte ich manchmal sogar einen Blick getauscht. Heimlich natürlich, da es niemanden sonst etwas anging, was wir auf unsere Art besprachen. Es waren nicht viele Blicke. Dafür aber intensive und besondere. Wir hatten uns vor drei Jahren sogar im Wald getroffen. Schweigend, dafür aber stundenlang, saßen wir dort zusammen. Als wir genug Zeit verbracht hatten, waren wir ebenso schweigend aufgestanden und, natürlich noch immer schweigend, auseinandergegangen. Trotz der Stille, die zwischen uns geherrscht hatte, freuten wir uns in diesem Moment schon auf das nächste Treffen. Wir verabredeten uns damals, ohne dafür Worte benutzt zu haben.
Heinrich lebte nicht nur im Dorf. Er war irgendwie auch dieses Dorf. Mir fehlte die Vorstellungskraft, wie dieses Dorf überhaupt ohne Heinrich weiterhin existieren konnte. Alles würde sich hier verändern. Niemand würde mehr auf der Bank am Ortseingang sitzen. Die knallroten Geranien, die er in seinen Blumenkästen hatte, würden verwelken. Der kleine Tisch mit den Äpfeln, den er immer während der Erntezeit auf seiner Auffahrt stehen hatte und von dem sich jeder von Heinrichs Apfelernte mitnehmen durfte, würde leer sein. Sein schickes kleines Häuschen würde irgendwann verfallen und in einigen Jahren, wenn auch andere ältere Dorfbewohner gegangen waren, würde niemand mehr über Heinrich sprechen.
Dass dies alles geschehen würde, war mir klar. Ebenso klar war mir aber auch, dass Heinrich ein Andenken verdient hatte. Ein Grab ohne Grabstein war kein Grab.

Die Sonne ließ mich blinzeln, als ich die Hintertür meines Hauses geöffnet hatte. Diese Tür war nicht nur eine Hintertür, sondern ebenfalls der Hinterausgang meiner kleinen Werkstatt.
Zwei Wochen lang war ich fleißig gewesen. Ich hatte aus einem normalen großen Feldstein einen Grabstein gemacht. Viel Schweiß hatte es mich gekostet, dass dieser Stein zu dem Stein geworden war, der er werden musste. Sogar einen Namen hatte ich bereits darauf verewigt. Gut lesbar, allerdings nicht zu groß, stand auf dem Stein der Name Heinrich. Mehr war nicht nötig. Heinrich war Heinrich und auch ohne seinen Nachnamen und ohne seine Lebensdaten wusste jeder, dass dieser Heinrich unser Heinrich war.
Die Sonne brannte, als ich den Stein auf einer Sackkarre durch die Tür schob und ihn vor meiner Terrasse auf dem Gras absetzte. Hier draußen wollte ich ihn polieren. Für den letzten Schliff sorgen. Dieser Schliff musste draußen gemacht werden. Nur so konnte ich die letzten Feinabstimmungen hinbekommen, da er ja auch zukünftig unter freiem Himmel stehen würde.
Ich las den Namen Heinrich. Allerdings nicht als Wort, sondern Buchstabe für Buchstabe. Ich prüfte, ob es noch Ecken oder Kanten gab, die ich ausbessern musste. Doch alles war, wie es sein sollte! Ja, ich hatte gute Arbeit geleistet.
Die Verlängerungsschnur hatte ich bereits in die sich auf der Terrasse befindliche Steckdose gesteckt. Jetzt noch die Maschine anschließen und schon konnte ich mit dem Polieren beginnen.

Als ich fertig war, setzte ich mich auf meinen Schaukelstuhl. Jedoch nur kurz. Dann ging ich in mein Haus, blieb am Kamin stehen, rückte das Bild zurecht und setzte meinen Weg in die Küche fort.
Mit zwei Bechern Kaffee kam ich wenig später zurück. Einen der Becher stellte ich auf das Geländer meiner Terrasse, während ich den anderen in meiner Hand behielt und erneut auf dem Schaukelstuhl Platz nahm.
In beiden Bechern war Kaffee. Schwarzer kratziger Kaffee. Kaffee ohne Milch und Zucker. Halt so, wie Männer ihn tranken. Ich nippte an meinem, während mein Blick an dem anderen Becher hing. An Heinrichs Becher. Heute trank ich meinen ersten Kaffee mit Heinrich zusammen.
Ein zufriedenes Lächeln hatte sich auf meine Lippen gelegt.
Wir haben nie gesprochen und doch waren wir uns nah. Danke, Heinrich! Diese Worte gingen mir durch den Kopf und ich behielt sie noch eine ganze Weile bei mir.

Dann waren sie wieder da. Diese Gedanken, die mich schon eine ganze Zeit lang begleiteten. Genauer gesagt seit zwei Wochen.
Dieser Tag vor zwei Wochen war merkwürdig gewesen, und das gleich in doppelter Hinsicht. Heinrich war gestorben. Und dann war auch noch an diesem Tag etwas anderes geschehen. Ich hatte gesprochen. Nein, nicht einfach nur gesprochen. Es war schon außergewöhnlich genug, dass ich es getan hatte. Doch viel gravierender war, dass ich Sina an diesem Tag auch noch eine Frage gestellt hatte. Ich hatte mit einem fremden Menschen über etwas gesprochen, was mich bewegte. Ich brauchte eine Antwort und hatte tatsächlich nicht mir selbst die Frage gestellt.
Selbstverständlich kannte ich meine Frage noch. Was mich aber verwunderte, war, dass ich auch noch jedes Wort der Antwort parat hatte. Jedes einzelne Wort war mir so präsent, als wenn Sina es gerade eben erst gesagt hätte.
Ja, das glaube ich. Ich denke, dass die eigene Schwäche die wahre Stärke zeigt. Niemand kann immer nur stark sein, auch wenn es jeder gern möchte. Die Schwäche ist es, die uns menschlich macht, denn die Schwäche kommt von unseren Gefühlen – und was wäre ein Mensch ohne Gefühle? Er wäre nur eine leere Hülle. Ein Roboter.
Wie auf Knopfdruck waren die Worte erneut durch meinen Kopf gelaufen. Noch immer wusste ich nicht genau, ob ich mich über meine Schwächen freuen durfte. Fünf lange Jahre war ich stark gewesen. So stark, dass ich sogar die Schmerzen auf meinem Arm ausgehalten hatte, wenn ich mich mit dem Messer geritzt hatte.

Oder war ich schwach gewesen, da ich es getan hatte?



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