Donnerstag, 5. Januar 2017

News :-)

Das Jahr hat gerade erst begonnen!

Trotzdem wird es schon bald den nächsten Roman von Kerry und mir geben :-)

Das Cover wird heute noch nicht gezeigt.

Dafür möchte wir aber gerne Leseprobe präsentieren :-)

Habt Freude daran!

Fliegender Diamant
Bereits seit über drei Stunden lag ich heute schon auf der Lauer. Fast bewegungslos und gut getarnt saß ich an dem kleinen Flusslauf, der sich direkt am Waldesrand befand und an dem ich vor einigen Wochen einen Eisvogel hatte fliegen sehen.
Zunächst glaubte ich damals, dass ich mich getäuscht hatte. Zumindest so lange, bis er erneut aus seinem Versteck gekommen und über das ruhige Gewässer geflogen war. Dieser Tag, besser gesagt, dieser türkisblau schimmernde Vogel war es, der dafür gesorgt hatte, dass ich seitdem fast täglich meine Zeit hier verbrachte.
Genau wie auch jetzt hatte ich schon viele Tage versteckt und mit meiner Fotokamera in den Händen an diesem Ort gesessen. Ich musste diesen fliegenden Diamanten einfach erneut zu Gesicht bekommen. Ihn mit meiner Kamera und dem großen Objektiv, das ich aufgesetzt hatte, einfangen. Warum ich es wollte? Ganz einfach. Er war etwas Besonderes. Etwas Kostbares. Diese wunderbare Schöpfung der Natur war wie ein ungeschliffener Diamant. Er war so, wie die Natur ihn erschaffen hatte. So, wie die Natur es für ihn vorgesehen hatte, lebte er sein Leben im Schatten jeglicher Zivilisation. Er war präsent. Allerdings nur für die Menschen, die ein Auge für das Wesentliche hatten. Alle anderen würden ihn niemals erleben dürfen.
Er war wie ein Wolf. Ja, auch wenn dieser Vergleich dem ersten Anschein nach hinkte, so fand ich doch, dass sie sich sehr ähnlich waren. Beide lebten in ihrer eigenen Welt und zeigten sich nur dann, wenn ihnen danach war. Nicht wie Rehe oder Hasen, die sich öffentlich den Spaziergängern präsentieren.
Bin ich auch zu einem Eisvogel geworden? Oder bin ich doch eher der Wolf? Ich konnte mir meine eigenen Gedanken nicht beantworten. Auf jeden Fall aber war ich kein Wildschwein und ein Reh sowieso nicht.
Wenn es nach den Menschen aus dem Dorf ginge, war ich der Wolf. Der unheimliche und mysteriöse Mann aus dem Wald. Der Waldschrat, der sich in einem alten Haus zurückgezogen hatte. Der Typ, der Kontakt zur Menschheit scheute und der ihnen Rätsel aufgab. Ja, genau wie ein Wolf eben. Einen Wolf kannte jeder und doch kannte ihn eigentlich auch niemand.
Oder bin ich doch wie ein Eisvogel? Schließlich zeige ich mich den Menschen nur, wenn mir danach ist! Erneut holten mich meine Gedanken ein und abermals schüttelte ich meinen Kopf, da auch dies eine Gemeinsamkeit und kein Unterschied zwischen dem Wolf und einem Eisvogel war.
Vielleicht lag es aber auch einzig und allein daran, dass ich selbst nicht wusste, wer ich eigentlich war. Wer ich sein wollte, das wusste ich allerdings schon, und doch hatte ich dieses Ziel noch längst nicht erreicht. Ich befand mich mitten auf meinem Weg. Auf meinem Weg, auf dem ich trotz meiner erst 37 Jahre schon viele Schicksalsschläge hatte verarbeiten müssen. Doch ich hatte diese inzwischen akzeptiert. Sie gehörten zu mir. Auch wenn ich einige von ihnen noch immer nicht verstanden hatte, versuchte ich, mit ihnen zu leben. Besser gesagt, mit ihnen umzugehen, da es nicht in meiner Macht lag, es zu ändern.

Mein Rücken und meine Beine waren inzwischen taub geworden. Viel zu lange schon hatte ich in meiner Tarnhaltung gesessen und nach dem Eisvogel Ausschau gehalten. Da ich keine Uhr besaß, musste ich mich am Stand der Sonne orientieren, und so ging mein Blick hinauf in den Himmel. Ungefähr 15 Uhr war es, und ich lächelte, als mir bewusst wurde, dass ich nun bereits seit vier Stunden hier saß. Vier Stunden waren eine lange Zeit und doch waren sie wie im Fluge vergangen. Früher hätte ich mich über diese verlorene Zeit geärgert. Wenn ich damals mit meinen Kindern vier Stunden im Englischen Garten, meiner damaligen Heimat München, gewesen war, hatte ich ein schlechtes Gewissen meiner Arbeit gegenüber gehabt. In diesen Stunden hätte ich Aufträge abarbeiten können, und so drängte ich immer viel zu schnell darauf, zurück nach Hause zu gehen. Damals wusste ich noch nicht, was wirklich wichtig war. Ich hatte nicht kapiert, dass man seine Arbeit auch hätte später durchführen können. Ja, die Arbeit konnte nicht weglaufen. Ein Kinderlachen aber konnte verstummen. Die gemeinsame Zeit konnte man nicht zurückholen, ein verstummtes Lachen konnte man nicht wieder aktivieren und verlorene Menschen blieben verloren.
Die Arbeit jedoch blieb da. Ja, sie wartete. Leider war ich damals zu besessen, vielleicht auch einfach zu blöd, es zu verstehen.
Noch immer machte der fliegende Diamant keine Anstalten, sich zu zeigen. Vielleicht hatte er aber auch längst diesen Ort verlassen, um sich woanders ein neues Revier zu suchen. Genau, wie ein Wolf es tat, der ständig auf der Suche nach dem für ihn besten Ort war.
Und genau, wie ich es gemacht habe!
So unterschiedlich ein Eisvogel, ein Wolf und ich auf den ersten Blick auch sein mochten. Irgendwie waren wir doch gleich. Unsere Gleichheit spiegelte sich darin wider, dass wir anders als die anderen waren, und ich war mir ziemlich sicher, dass es auch der fliegende Diamant und Isegrim, wie der Wolf in den Fabeln der Menschen heißt, so sahen wie ich.

Ohne ein Foto, dafür aber mit eingeschlafenen Beinen, versuchte ich, aufzustehen. Langsam, fast wie ein alter Mann, reckte und streckte ich mich zunächst etwas, bevor ich es endlich in die Senkrechte geschafft hatte.
Der weiche Waldboden ließ meinen Schritt sanft federn, während ich mich langsam und bedächtig zwischen den Bäumen hindurch auf den Weg zu meinem Haus machte.
Dort angekommen, brachte ich zunächst meine Fotoausrüstung hinein, um anschließend wieder hinauszugehen. Der Brunnen war mein Ziel. Dieser alte Brunnen, der sich vor meinem Haus befand und der ziemlich zugewuchert war. Mein Brunnen, der ganz sicher viele interessante Geschichten zu erzählen gehabt hätte, wenn er denn hätte sprechen können. O ja, diese Geschichten wären es bestimmt wert gewesen, aufgeschrieben zu werden. Schon häufig hatte ich daran gedacht, dass der Brunnen und ich ein tolles Team gewesen wären. Wenn er hätte sprechen und ich schreiben können, dann wären diese Geschichten keine Geheimnisse geblieben.
Andererseits hatte es auch seinen Charme, wenn man nicht alles wusste. Und gerecht war es sowieso. Warum sollte ich alles über den Brunnen wissen dürfen? Der Brunnen wusste ja auch nichts über mich. Zumindest nichts über meine Vergangenheit.

Nachdem ich mich mit dem klaren und kalten Wasser erfrischt hatte, legte ich mich ins Gras. Nur wenige Wolken zogen über mir entlang. Langsam und doch unaufhörlich schoben sie sich über den Himmel. Sie lebten ihre Freiheit aus und sie erinnerten mich an mich selbst. Auch ich lebte mein neues Leben langsam und ohne Zwang. Doch während die Wolken vom Wind abhängig waren, da er ihr Tempo bestimmte, musste ich meine Geschwindigkeit selbst erlernen. Das Schicksal hatte meinen neuen Weg geebnet und ich hatte mir das dazugehörige Tempo erst aneignen müssen. Das Tempo meines Lebens war anders als früher. Genau wie mein gesamtes Leben, das sich vor fünf Jahren schlagartig verändert hatte. Damals war ich ICH. Auch wenn ich heute noch immer ich war, war alles anders, und ich hatte noch immer nicht verstanden, warum ausgerechnet ich vom Leben so hart bestraft worden war. Ich hatte inzwischen zwar kapiert, was geschehen war. Ich hatte ebenfalls registriert, dass alles anders war. Verstehen konnte und wollte ich es trotzdem nicht.

Ich war anders. Mein Leben war anders. Alles war anders, und doch wusste ich, dass das Leben noch eine Aufgabe für mich vorgesehen hatte. Leider hatte ich noch immer nicht herausgefunden, welche es war.
Schweigend stand ich auf und ging ins Haus. Vor meinem Kamin blieb ich stehen und sah mir das Bild an, welches seit fünf Jahren an genau diesem Platz stand. Hier auf dem Sims, wo ich es von überall aus sehen konnte. Wieder einmal strich ich über den goldenen verschnörkelten Rahmen und rückte es so zurecht, dass es an seinem korrekten Platz stand. Auf dem Platz, an dem es eben schon gestanden hatte. Doch es tat mir einfach gut, es täglich neu auszurichten.
Damals kannte ich die Bilder, die sich in unserem Haus befanden, nicht. Wenn mich jemand gefragt hätte, was für Bilder wir besaßen, hätte ich mit einem Achselzucken geantwortet. Heute war jedes meiner Bilder ein Teil von mir. Meine Fotoausrüstung hatte ich damals schon gehabt, doch erst in den letzten Jahren war sie ein Teil von mir geworden. Hierdurch hatte ich die Möglichkeit, diese Bilder zu meinen zu machen.

Alles hatte sich verändert. Damals sprach man mich in allen großen Städten mit meinem richtigen Namen an. Heute sprachen alle hier im Dorf nur von Wolf.

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