Sonntag, 27. November 2016

1. Advent

Aber ich habe noch eine Frage ... ;-)

Wie wäre es jetzt -zum 1. Advent- schon mit einer Weihnachtsgeschichte ...?

Viel Freude wünscht

  Ben




“Der allererste Weihnachtsbaum”



(Herrmann Löns)

Der Weihnachtsmann ging durch den Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der sonst immer
lustig bellend vor ihm lief, merkte das und schlich hinter seinem Herrn mit eingezogener Rute her.
Er hatte nämlich nicht mehr die rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre dasselbe. Es
war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Esswaren, das war auf die Dauer nichts. Die Kinder
freuten sich wohl darüber, aber quieken sollten sie und jubeln und singen, so wollte er es, das taten
sie aber nur selten.

Den ganzen Dezembermonat hatte der Weihnachtsmann schon darüber
nachgedacht, was er wohl Neues erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude
in die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch die Großen teilnehmen können.
Kostbarkeiten durften es auch nicht sein, denn er hatte so und soviel auszugeben und mehr nicht.

So stapfte er denn auch durch den verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzwege war, dort wollte er
das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer über die Verteilung der Gaben.
Schon von weitem sah er, dass das Christkindchen da war, denn ein heller Schein war dort. Das
Christkindchen hatte ein langes, weißes Pelzkleidchen an und lachte über das ganze Gesicht. Denn
um es herum lagen große Bündel Kleeheu und Bohnenstiegen und Espen und Weidenzweige, und
daran taten sich die hungrigen Hirsche und Rehe und Hasen gütlich.
Sogar für die Sauen gab es etwas, Kastanien, Eicheln und Rüben.

Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen die Tageszeit.
“Na Alterchen, wie geht`s?” fragte das Christkind, “hast wohl schlechte Laune?” Damit hakte es
den Alten unter und ging mit ihm. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht mehr
betrübt aus und hielt seinen Schwanz kühn in die Luft.
“Ja”, sagte der Weihnachtsmann, “die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß mehr. Liegt es
am Alter oder an sonst was, ich weiß nicht, ich hab keinen Fiduz mehr dazu. Das mit den
Pfefferkuchen und den Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr. Das essen sie auf, und dann ist das
Fest vorbei. Man müsste etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen und nicht zum Spielen
ist, aber wobei Alt und Jung singt und lacht und fröhlich wird.”

Das Christkindchen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es: “Da hast du
Recht, Alter, mir ist das auch schon aufgefallen. Ich habe daran auch schon gedacht, aber das ist
nicht so leicht.”
“Das ist es ja gerade”, knurrte der Weihnachtsmann, “ich bin zu alt und zu dumm dazu. Ich habe
schon richtiges Kopfweh von den ganzen Nachdenken, und es fällt mir doch nichts Vernünftiges
ein. Wenn es so weiter geht, schläft allmählich die ganze Sache ein, und es wird ein Fest wie alle
anderen, von dem die Menschen dann weiter nichts haben, als faulenzen, essen und trinken.”

Nachdenklich gingen beide durch den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem,
das Christkindchen mit nachdenklichem Gesicht. Es war so still im Walde, kein Zweig rührte sich,
nur, wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein Stück Schneebehang mit halblautem Ton
herab. So kamen die beiden, den Spitz hinter sich, aus dem hohen Holze auf einen alten Kahlschlag,
auf dem große und kleine Tannen standen. Das sah nun wunderschön aus. Der Mond schien hell
und klar, alle Sterne leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen standen darin,
schwarz und weiß, dass es eine Pracht war. Eine fünf Fuß hohe Tanne, die allein im Vordergrunde
stand, sah besonders reizend aus. Sie war regelmäßig gewachsen, hatte auf jedem Zweig einen
Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und glitzerte und flimmerte nur so im
Mondenschein.

Das Christkindchen ließ den Arm des Weihnachtsmanns los, stieß den Alten an, zeigte auf die
Tanne und sagte: “Ist das nicht wunderhübsch?”

“Ja”, sagte der Alte, “aber was hilft mir das?” “Gib ein paar Äpfel her”, sagte das Christkindchen,
“ich habe einen Gedanken”.
Der Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht vorstellen,
dass das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel hatte. Er hatte zwar noch einen
guten alten Schnaps in seinem Dachsholster, aber den mochte er dem Christkindchen nicht
anbieten. Er machte sein Tragband ab, stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin herum
und langte ein paar recht schöne Äpfel heraus. Dann fasste er in die Tasche, holte sein Messer
heraus, wetzte es an einem Buchsstamm und reichte es dem Christkindchen. “Sieh, wie schlau du
bist”, sagte das Christkindchen, “nun schneid` mal etwas Bindfaden in zweifingerlange Stücke, und
mach mir kleine, spitze Pflöckchen.” Dem Alten kam das alles etwas ulkig vor, aber er sagte nichts
und tat, was das Christkind ihm sagte. Als er die Bindfadenenden und die Pflöckchen fertig hatte,
nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte
den an einen Ast.

“So”, sagte es dann, “nun müssen auch an die anderen welche und dabei kannst du helfen, aber
vorsichtig, dass kein Schnee abfällt!”
Der Alte half, obgleich er nicht wusste, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß, und als die
ganze kleine Tanne voll mit rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er fünf Schritte zurück, lachte und
sagte: “Kiek, wie niedlich das aussieht! Aber was hat das alles für`n Zweck?”
“Braucht denn alles gleich einen Zweck zu haben?” lachte das Christkind. “Pass auf, das wird noch
schöner. Nun gib mal Nüsse her!”
Der Alte krabbelte aus seiner Kiepe Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen. Das steckte
in jedes ein Hölzchen, machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuss an der goldenen Oberseite
seiner Flügel, und dann war die Nuss golden, und die nächste an der silbernen Unterseite seiner
Flügel, und dann hatte es eine silberne Nuss, und hing die zwischen die Äpfel.
“Was sagst nun, Alterchen?” fragte es dann, “ist das nicht allerliebst?”
“Ja”, sagte der, “aber ich weiß immer noch nicht ....... “Kommt schon!”, lachte das Christkindchen,
“hast du Lichter?”
“Lichter nicht”, meinte der Weihnachtsmann, “aber `n Wachsstock!”
“Das ist fein”, sagte das Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt ihn und drehte erst ein Stück
um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch
gerade und sagte dann: “Feuerzeug hast du noch?”
“Gewiss”, sagte der Alte, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer aus dem Stein,
ließ den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und steckte daran ein paar
Schwefelspäne an. Die gab er dem Christkindchen. Das nahm einen hellbrennenden Schwefelspan
und steckte damit erst das oberste Licht an, dann das nächste davon rechts, dann das
gegenüberliegende, und rund um das Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern
zum Brennen.

Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinen halbverschneiten dunklen Gezweig sahen die
roten Backen der Äpfel, die Gold - und Silbernüsse blitzten und funkelten, und die gelben
Wachskerzen brannten feierlich. Das Christkindchen lachte über das ganze rosige Gesicht und
patschte in die Hände, der alte Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine
weiße Spitz sprang hin und her und bellte.
Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit seinen
goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann, er solle das
Bäumchen vorsichtig absägen. Das tat der, und dann gingen beide den Berg hinab und nahmen das
bunte Bäumchen mit.

Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die beiden halt. Das
Christkindchen machte leise die Tür auf und trat ein; der Weihnachtsmann ging hinterher. In der

Stube stand ein dreibeiniger Schemel mit einer durchlochten Platte, den stellten sie auf den Tisch
und steckten den Baum hinein. Der Weihnachtsmann legte dann noch allerlei schöne Dinge,
Spielzeug, Kuchen, Äpfel und Nüsse unter den Baum, und dann verließen beide das Haus ebenso
leise, wie sie es betreten hatten.

Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am anderen Morgen erwachte und den bunten Baum sah,
da staunte er und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Als er aber an den Türpfosten, den des
Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold - und Silberflimmer hängen sah, da wusste er Bescheid. Er
steckte die Lichter an dem Bäumchen an und weckte Frau und Kinder.
Das war eine Freude in dem kleinen Hause, wie an keinem Weihnachtstage. Keines von den
Kindern sah nach dem Spielzeug und nach dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur nach dem
Lichterbaum. Sie fassten sich an den Händen, tanzten um den Baum und sangen alle
Weihnachtslieder, die sie wussten, und selbst das Kleinste, was noch auf dem Arme getragen
wurde, krähte, was er krähen konnte.




Vor dem Fenster aber standen das Christkindchen und der Weihnachtsmann und sahen lächelnd zu.
Als es helllichter Tag geworden war, da kamen die Freunde und Verwandten des Bergmanns; sahen
sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in den Wald, um sich für ihre Kinder
auch ein Weihnachtsbäumchen zu holen. Die anderen Leute, die das sahen, machten es nach, jeder
holte sich einen Tannenbaum und putzte ihn an, der eine so, der andere so, aber Lichter, Äpfel und
Nüsse hingen sie alle daran.

Als es dann Abend wurde, brannte im ganzen Dorfe Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum, überall
hörte man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder.
Von da aus ist der Weihnachtsmann über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze
Erde. Weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den
Kindern morgens beschert.

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