Mittwoch, 7. September 2016

Teddy auf Sylt

Teddy auf Sylt


Lina war traurig.

Das kleine achtjährige Mädchen, hatte in Niebüll ihren Stoffbären verloren. Wahrscheinlich in dem Moment, als sie mit ihrem Papa am Autozug ausgestiegen war, um in den kleinen Laden mit Krimskrams zu gehen. Ihr Papa hatte sich einen Kaffee geholt und stand schon an der Kasse, als sie ihn mit ihrem niedlichsten Bitte-Bitte-Lächeln ansah und dabei dieses komische Stofftier mit den Glubschaugen in der Hand hielt.
Welcher Papa kann in diesem Moment schon „Nein“ sagen … ?
Und jetzt?


Jetzt musste Lina schon die zweite Nacht ohne ihren Stoffbären auskommen. Tagsüber war es kein Problem. Doch dann wurde es Abend und irgendwann musste Lina ins Bett. Doch die Nächte ohne ihren Stoffbären zu verbringen war doof.

Manchmal dachte sie an die Worte ihrer Klassenkameraden. Einige sagten „Mit einem Stofftier schlafen doch nur kleine Kinder.“, aber es war ihr egal, was andere sagten und so griff sie sich jeden Abend ihren Stoffbären und schlief ein.
Nur jetzt nicht mehr. Sylt war blöd, fand Lina. Zumindest immer dann, wenn sie ihren Stoffbären vermisste. Lina hatte keine Idee, wann und wo sie ihren Bären verloren hatte und gemeinsam mit ihrem Papa hatte sie bereits überall gesucht.
Teddy saß heute auf der Promenade und schaute zum Strand hinunter, wo er Lina mit ihren Freundinnen, die sie hier auf Sylt kennengelernt hatte, spielen sah.
Teddy war zum ersten Mal in seinem Teddyleben auf Sylt. Seit er mitbekommen hatte, dass Lina ihren Stoffbären vermisste, war er ihr gefolgt.

Sein Plan war ganz einfach, er wollte für die nächsten zwei Wochen Linas Freund sein. Für sie da sein, wenn sie jemanden zum Einschlafen brauchte. In ihrer Hand sein, wenn sie in der Nacht einen blöden Traum hatte oder einfach nur neben ihrem Kopfkissen sitzen und sie beim Schlafen beobachten. Einfach das Stofftier sein, dass ein Kind braucht!
Am späten Nachmittag, als Linas Freunde schon auf dem Weg nach Hause waren, spielte Lina mit ihrem Papa unten am Strand. Es war Ebbe und die beiden malten im festen Sand Bilder oder sprangen einfach durch das flache Wasser und spritzten sich nass.
„Endlich!“, dachte sich Teddy und verließ seinen Platz, um hinunter an den Strand zu gehen. Als er sich sicher sein konnte, dass ihn niemand bemerkte, schlich er zum Strandkorb von Lina und kletterte hinein. Er musste gar nicht lange warten, bis Lina und ihr Papa vom Meer zurück zum Strandkorb, kamen.
Als sich Linas Papa gerade in den Strandkorb setzen wollte, hörte er Lina schreien.
„Stopp Papa!“, gerade so konnte ihr Papa sein Gleichgewicht noch halten und war froh, nicht in den Sand zu fallen. Als er wieder sicher stand, sah er Lina fragend an. „Was schreist du so? Ist was passiert?“
„Papa, du hättest dich fast auf einen Teddy gesetzt.“
Beiden sahen in den Strandkorb hinein und blickten auf Teddy, der ganz still und bewegungslos, halt wie ein normales Stofftier, im Strandkorb saß.
„Wo kommst Du denn her?“, fragte Lina, während sie ihn in ihre Arme nahm. Gerne hätte Teddy geantwortet oder Lina auf andere Art ein Zeichen gegeben. Er durfte es aber nicht. So bestimmte es das sehr alte Teddy-Gesetz, an welches auch er sich zu halten hatte. Immer, wenn er sich entschied, ein Kind glücklich zu machen, musste er sich wie ein normales Stofftier verhalten, sich bewegen oder Sprechen, war natürlich strengstens verboten.
Heute stellte sich der Weg zurück in die Ferienwohnung etwas anders dar als sonst. Papa durfte alles tragen, während Lina nur Teddy in ihren Arm hielt und ihn ganz fest an sich drückte. Glücklich lief sie durch die Fußgängerzone. Sogar auf das Balancieren auf den kleinen Mauern verzichtete sie heute.

Und als Lina in ihr Bett musste, hielt sie ihren neuen Teddybären im Arm, während ihr Papa, wie jeden Abend, eine Traumzuggeschichte erzählte. Teddy war zwar ganz anders als ihr verlorener Stoffbär, viel älter und ausgeblichen. Aber er war etwas Besonderes und er tat Lina gut.
Tagsüber spielte Lina bei tollem Wetter am Strand. Entweder mit ihren Freundinnen oder mit Papa. Sie fingen Krebse und Seesterne oder kletterten auf den Buhnen und Tetrapoden herum.
Teddy durfte jeden Tag mit an den Strand kommen. Vom Strandkorb aus beobachtete er stolz, wie glücklich Lina nun wieder war. Und immer, wenn niemand nach ihm schaute, reckte und streckte er sich, da er dieses steife Rumsitzen ja sonst nicht gewöhnt war.
Viel zu schnell vergingen die Tage und schon bald war Linas Urlaub vorbei. Es war Zeit, Abschied zu nehmen und genau vor diesem Moment hatte Teddy etwas Angst. Immerhin wusste er etwas, was Lina nicht ahnte. Teddy musste Lina verlassen. Allerdings nicht, ohne noch etwas für sie zu unternehmen.
In der letzten Nacht auf Sylt, löste sich Teddy aus Linas Umklammerung und kroch zum Kopfkissen, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Danach schlich er in das Schlafzimmer von Linas Papa, setzte sich dort neben das Kopfkissen und flüsterte auch ihm etwas ins Ohr. Als er fertig war, ging bereits die Sonne auf. Teddy warf noch schnell einen Blick in Linas Zimmer. Liebend gerne hätte er ihr noch einen Abschiedskuss gegeben. Doch er war tapfer und verließ die Wohnung.
Zwei Stunden später stand Lina am Bett ihres Papas und weckte ihn. „Hast Du Teddy gesehen?“


Linas Papa war noch sehr müde und gähnte. „Nein Lina, habe ich nicht.“ Lina sprang in das Bett ihres Papas und suchte unter der Decke nach Teddy. Doch hier war er auch nicht.
„Komm, wir suchen zusammen.“, sagte Linas Papa und die Suche begann.
Nachdem sie die ganze Wohnung durchsucht hatten, gaben sie auf.
Teddy war einfach nicht zu finden.
Traurig packten sie ihre Sachen ins Auto und machten sich auf den Heimweg.
„Ab nach Hause.“, rief Lina, als die Fahrt mit dem Autozug begann. Während der Überfahrt auf das Festland zählten sie Schafe gezählt und hielten nach Rehen Ausschau. Die fünfzigminütige Fahrt ging schnell vorbei.
In Niebüll angekommen, entschieden sie sich, gemeinsam noch einmal in den Spielzeugladen zu gehen, den sie auch schon bei der Hinfahrt besucht hatten. Vielleicht war Linas Teddy ja gefunden worden – oder saß unentdeckt dort, wo sie ihn verloren hatte?
Lina suchte in der Spielzeugecke und ihr Papa sah bei den Zeitschriften nach. Wenige Minuten später trafen sich die beiden in der Ladenmitte. Linas Kuscheltier war nicht zu finden. Einige Tränen kullerten aus Linas Augen. Sie hätte es sich so sehr gewünscht! Ihr Vater tröstete sein kleines Mädchen. Ganz fest drückte er sie und nachdem Lina sich für die Rückfahrt etwas zu Naschen aussuchen durfte, ging es ihr etwas besser.
Doch als sie neben ihrem Papa an der Kasse stand, zupfte Lina am Arm ihres Vaters und zeigte auf das Regal hinter der Kasse.
Und was glaubt ihr, was sie dort sah?

Auf dem Regal saß Linas Stoffbär. Zwischen einem Syltbecher und einer Stoffrobbe guckte er hervor und wartete darauf, von Lina in den Arm genommen zu werden.
„Mein Bär!“, rief Lina glücklich, als sie ihn wieder in ihren Armen hielt.
Schon eine ganz Zeit saßen Lina und ihr Papa wieder im Auto und fuhren zurück nach Hamburg, als Lina fragte: „Du Papa, warum bist du mit mir in den Laden gegangen und hast nach meinem Bären gesucht?“
„Ich habe heute Nacht davon geträumt, ihn hier zu finden.“
„Ich auch!“, sagte Lina und drückte ihrem Bären einen ganz dicken Kuss auf die Nase.


 (Ben Bertram)

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