Freitag, 12. August 2016

Wenn die Liebe erinnert

Heute gibt es ein kurzes Kapitel

Ein Kapitel aus "Wenn die Liebe erinnert"

Ich freue mich, einen weiteren Roman mit Kerry Greine geschrieben zu haben und bin stolz darauf, euch einen Teil daraus präsentieren zu dürfen:

Zerstört (Smilla)

Weiß … Ich sah nur weiß, als ich die Augen aufschlug. Die Welt um mich herum wirkte verschwommen, als würde sie hinter einem Schleier liegen. Einem weißen Schleier.
Ich weiß auch heute noch nicht, wie lange es dauerte, bis ich meine Umgebung scharf stellen konnte, wie ein Fotograf das Bild durch sein Objektiv. Immer wieder blinzelte ich, versuchte zu begreifen, wo ich war. Langsam drehte ich den Kopf, wollte erfassen, wo ich mich befand. Weiße Wände … Weiße Zimmerdecke … Ich konnte ein Schränkchen erkennen … fühlte kühlen, glatten Stoff unter meinen Händen … Ich lag in einem Bett. War ich im Krankenhaus? Ich wusste es nicht.
Ich sah ein Fenster, das den Blick freigab in einen mit weißen Wolken verhangenen Himmel. Ich war so müde … unendlich müde …
Neben meinem Kopf bemerkte ich eine Bewegung. Noch mehr weiß … Ein Arzt? Oder eine Krankenschwester?
Meine Lider waren so schwer. Ich wollte schlafen.
„Frau Mahler. Wie schön, dass Sie bei uns sind! Wie geht es Ihnen? Haben Sie Schmerzen?“
Ich schloss die Augen und deutete ein Kopfschütteln an.
„Müde …“ Meine Stimme war nicht mehr als ein heiseres Hauchen, dann sank ich in einen tiefen Schlaf.

Als ich erwachte, fühlte ich mich ein wenig klarer, doch noch immer verstand ich nicht, wie ich hierhergekommen war. Den Blick auf die weißen Wolken gerichtet, versuchte ich, mich zu erinnern.
„Smilla! O Gott, Smilla. Du bist wach, endlich bist du wach!“ Auf einmal schob sich ein tränenüberströmtes Gesicht zwischen mich und das Fenster. Ich hatte nicht mitbekommen, wie jemand das Zimmer betreten hatte. Oder war er schon länger hier gewesen und ich hatte ihn nur nicht bemerkt?
Ich hörte sein Schluchzen, dann griff der Mann nach meinen Händen, hielt sie fest, sank mit dem Gesicht voran auf meine Decke. Ich konnte nur noch den Haarschopf erkennen. Angst überkam mich und schnürte mir den Hals zu.
„Wer …?“ Meine Stimme war nur ein heiseres Krächzen, kaum zu hören. Ich räusperte mich und versuchte es erneut.
„Wer …?“ Mein Hals fühlte sich wund an und völlig ausgedörrt. Ich schluckte hart, es brannte in meiner Kehle. Kraftlos versuchte ich, meine Hände unter dem Kopf des Mannes hervorzuziehen. Ich wollte ihn wegschieben, er war so nah … viel zu nah! Die Panik breitete sich in meiner Brust aus. Ich nahm all meine Kraft zusammen. Zog meine Arme an.
Geh weg …, dachte ich. Die Anstrengung ließ mich husten und endlich ruckte der Kopf des Mannes hoch. Freude stand ihm ins Gesicht geschrieben und doch wirkte er traurig, nein, eher besorgt. Noch immer liefen ungehindert seine Tränen.
„Wer sind Sie?“ Endlich schaffte ich es, krächzend die Frage zu stellen, die mir auf der Seele brannte. Erneut wurde ich von einem Hustenanfall geschüttelt. Das Gesicht des Mannes erstarrte. Wie in Zeitlupe richtete er sich auf, ohne seinen Blick von mir zu wenden. Fassungslos schaute er mich an.
„Ich bin es. Jonas. Erkennst du mich etwa nicht?“ Langsam schüttelte ich den Kopf. Nein, ich konnte schwören, ich hatte ihn noch nie in meinem Leben gesehen. Da er keinen weißen Kittel trug, war er vermutlich kein Arzt.
„Ich bin es. Jonas. Dein Verlobter.“
Mein Verlobter … Nein, das konnte nicht sein! Niemals! Er wollte mir hier irgendwelche komischen Geschichten erzählen. Wer auch immer er war, er machte mir Angst. Ich fühlte mich wie in einem Psychothriller gefangen.
„Ich kenne Sie nicht. Ich habe Sie noch nie gesehen. Gehen Sie weg!“, forderte ich und versuchte, mich im Bett hochzustemmen. Schmerz schoss durch mein Bein, brannte in meinem Knie und ließ mich aufstöhnen. Reflexartig zuckten meine Hände zum Schmerzpunkt und der Blick des Mannes folgte meiner Bewegung.
„Hast du Schmerzen? Warte, ich rufe den Arzt.“ Er griff über meinen Kopf hinweg nach dem Klingelknopf und betätigte ihn.
„Hauen Sie ab! Lassen Sie mich allein!“ Ich wollte, dass meine Stimme fordernd klang und fest, doch sie war kaum mehr als ein ängstliches Flüstern. Was war hier los? Wer war der Mann und warum behauptete er solche Sachen? Was war mit meinem Bein und warum ließ der Schmerz darin nicht nach, obwohl ich mich nicht mehr bewegte?
Ein Pochen machte sich in meinem Kopf breit und ächzend ließ ich mich zurück in die Kissen sinken.
Endlich ging die Tür auf und ein Arzt im weißen Kittel erschien. Sofort wandte der Mann an meinem Bett sich zu ihm um.
„Sie weiß nicht, wer ich bin. Smilla …“ Wieder schaute er auf mich, sein Blick war verzweifelt und neue Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln, blieben den Bruchteil einer Sekunde an den Wimpern hängen, bevor sie den Weg über seine Wangen fanden.

Wer war der Mann? Hatte er mir nicht eben noch seinen Namen genannt? Ich wusste es nicht mehr … Ich wollte nur, dass er endlich ging und mich mit dem Arzt allein ließ. 



Liebe Grüße und einen bunten Tag
EUER
Ben

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