Donnerstag, 26. Mai 2016

Erwachsen

Lina will erwachsen sein


Lina hat einfach keine Lust mehr darauf, immer diese blöden Sätze zu hören.
Ständig ist sie für etwas noch zu klein, oder sollte darauf warten, dass sie älter wird.

Ihre Eltern durften alles und nur zu gerne, würde auch Lina, der Bestimmer in ihrem Leben sein. Immer musste sie fragen, wenn sie etwas machen wollte. Warum konnte sie nicht einfach machen, was ihr gefiel?

Auch heute war wieder so ein doofer Tag und als Lina den Satz,
„Das kannst Du machen, wenn Du älter bist.“, hörte, lief sie verärgert in ihr Zimmer und knallte die Tür.
Das es keine gute Idee war, wurde ihr in dem Moment bewusst, als sich die Tür wieder öffnete und ihr Vater in ihr Zimmer kam.
„Hatten wir nicht schon mal über das Türknallen gesprochen?“, verärgert sah ihr Vater sie an.
„Da konnte ich nichts für. Das war der Wind. Ich habe gar nicht doll an der Tür gezogen.“
„So so, der Wind?“, sagte ihr Vater und verkniff es sich zu sagen, dass kein Fester geöffnet war und der Wind, somit keine Schuld haben konnte.

Ebenso wenig hatte es jetzt Sinn, zum hundertsten Male, mit Lina darüber zu sprechen, dass sie in ihrem Alter, nicht im dunklen nach draußen durfte. Zumindest nicht alleine und nicht um diese späte Uhrzeit.


Doch Linas Papa, hatte eine Idee. Und zwar, so fand er, eine ziemlich gute.
„Warum möchtest Du schon erwachsen sein?“
„Weil ich dann alles machen darf.“
„Glaub mir kleine Maus, die Erwachsenen wünschen sich immer, wieder Kind sein zu dürfen.“
„Das glaube ich dir nicht. Das ist doch quatsch. Niemand will Kind sein.“
„Aber als Kind hat man nicht so viele Aufgaben.“
„Na und. Dafür kann man als Papa viel mehr Sachen machen, die Kinder nicht dürfen.“
„Ich habe eine Idee. Wollen wir morgen die Rollen tauschen?“
„Was meinst Du?“
„Morgen bin ich Du und Du bist ich.“

Lina hatte ihren Vater noch immer nicht richtig verstanden. Doch als er es ihr nochmals erklärt hatte, willigte sie freudestrahlend ein.
„Ich darf morgen, den ganzen Tag, Papa sein?“
Ja. Und ich bin morgen Lina.“, antwortete ihr Vater.

Glücklich und voller Vorfreude, schlief Lina ein.

Mitten in der Nacht stand Linas Vater an ihrem Bett und tickte sie an.
„Was ist los Papa?“
„Du bist der Papa. Ich bin heute Lina.“
„Was willst Du?“
„Ich habe schrecklichen Durst. Kannst Du mir etwas zu trinken ans Bett bringen?“

Während sich Lina auf den Weg in die Küche machte, ging ihr Vater zurück in sein Bett. Einen kurzen Augenblick später, war Lina bei ihm.
„Hier. Dein Trinken.“
„Danke. Stellst Du es auf den Nachtschrank.“
„Aber ich denke, Du hast solch großen Durst?“
„Jetzt nicht mehr.“

Zum Glück war Lina viel zu müde, um wütend zu sein. Schnell lief sie in ihr Zimmer und zog sich die Bettecke über den Kopf.

„Bekomme ich Smacks?“, normalerweise wurde Lina mit einem Kuss geweckt. Doch Lina war heute schließlich nicht Lina und hatte, direkt am frühen Morgen, ihre erste Aufgabe zu erfüllen.
Nachdem sie ihrem Vater die Smacks auf den Wohnzimmertisch gestellt hatte und gerade wieder in ihrem Zimmer angekommen war, hörte sie, wie ihr Vater erneut etwas rief.
„Und wo ist mein Kakao. Bitte mit wenig Milch, dafür aber mit ganz viel Kakaopulver.“

Jetzt war Linas Papa zufrieden.
Lina war es auch, da sie endlich in ihrem Zimmer sitzen und eine CD von den Wilden Hühnern hören konnte.

„Lina, Du kannst abräumen. Ich bin fertig.“
„Weißt Du nicht, wo die Küche ist?“, Lina fand ihre Antwort sehr cool.
Als sie etwas später in der Küche stand, entdeckte sie die abgeräumten Sachen. Leider standen sie nicht im Geschirrspüler, sondern befanden sich in oben drauf.

„Gehen wir in die Drogerie?“
„Was willst Du da?“
„Nur mal so gucken.“, antwortete Linas Vater.
„Müssen wir wirklich?“
„Ja.“

Nachdem Linas Vater ungefähr zwanzig Minuten durch den Laden gelaufen war, sagte er,
„Wir können los.“
„Aber Du hast dir ja gar nichts ausgesucht.“
„Es gibt nichts, was mir gefällt.“
„Aber ich möchte noch ein wenig gucken.“
„Mir ist aber langweilig. Außerdem muss ich auf das Klo.“

Was hatte Lina für eine Chance? Gemeinsam machten sie sich mit ihrem Vater auf den Heimweg.
Als ihr Vater in der Küche stand und aus dem Fenster sah fragte sie,
„Ich denke, Du musst dringend auf die Toilette?“
„Jetzt nicht mehr.“

Die CD von den Wilden Hühnern lief gerade einige Sekunden, als Linas Vater ins Zimmer kam.
„Ich habe Hunger.“
„Du hast doch gerade erst die Smacks gehabt.“
„Aber ich möchte Obst. Schneidest Du es mir klein und machst mir einen bunten Teller.“
„Isst Du es denn auch auf?“
„Na klar.“

Als Lina mit dem Obstteller ins Wohnzimmer kam, sah ihr Vater sie an.
„Bananen? Darauf habe ich gar keinen Hunger.“
„Dann hättest Du es mir vorher sagen müssen.“
„Dann esse ich sie eben.“

Lina wollte gerade das Telefon nehmen und Emmi anrufen, als ihr Vater zu ihr kam und ihr einen Zettel in die Hand drückte.
„Was soll ich damit?“
„Du musst noch einkaufen gehen.“
„Das ist aber viel. Kommst Du mit?“
„Nein, ich treffe mich mit Didi.“
„Komm aber nicht so spät nach Hause.“
„Nein, mache ich nicht.“


Als Linas Vater sich auf den Weg zu Didi machte, blieb er kurz an der Haustür stehen und sagte,
„Denkst Du daran, dass heute Samstag ist.“
„Warum?“
„Weil Du nach dem Einkauf noch das Altpapier wegbringen musst, der Vogelkäfig muss sauber gemacht werden, Getränke müssen aus dem Keller geholt werden und Staubsaugen musst Du auch. Ich gehe jetzt los. Bis später.“

Lina stand in der Küche. In ihrem Kopf schwirrten ganz viele Gedanken und plötzlich hatte sie eine Idee.
Nachdem sie die Haustür geöffnet hatte, lief sie ihrem Papa hinterher. Als sie ihn eingeholt hatte, blieb sie stehen und sah ihn an.
„Papa, ich glaube, dass ich noch früh genug erwachsen werde. Erwachsen zu sein, ist ganz schön anstrengend.“
„Wollen wir wieder die Rollen tauschen?“, fragte ihr Vater.
„Können wir?“
„Ja klar. Du sollst doch deine Kindheit genießen. Los, düse zu Emmi und habe einen tollen Tag. Kommst Du um sieben nach Hause?“
„Darf ich heute länger als sonst?“
„Klar. Es ist doch Wochenende.“
„Danke Papi.“

Lina flitzte los.
Doch nach einigen Metern blieb sie stehen und rief,
„Und wer erledigt jetzt die ganzen Sachen? Du bist doch bei Didi.“
„Ich mach es. Didi ist gar nicht da.“

Lachend drehte sich Linas Vater um und ging zurück in die Wohnung. Er hatte schließlich noch einige Aufgaben zu erledigen.



(Ben Bertram)

1 Kommentar:

  1. Ich mag die Geschichten von Lina sehr

    Liebe Grüße aus der Hauptstadt

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