Mittwoch, 20. April 2016

Geschichten

Lina liebt Geschichten


Aber nicht, wenn sie in der Schule selbst welche vorlesen muss.
Auch heute war wieder diese blöde Lesestunde, in der immer alle Kinder abwechselnd, einen Satz aus einem Buch, vorlesen mussten.

Nie wurde eines ihrer Bücher genommen. Immer musste sie aus Büchern vorlesen, die andere Kinder mitgebracht hatten.
Außerdem musste sie immer die schwierigsten Stellen aus dem Buch vorlesen. Auch wenn andere Kinder, auch glaubten, immer die gemeinsten Sätze lesen zu müssen, war es bei ihnen nicht so. Ganz bestimmt machte Frau Moritz es mit Absicht und Lina wusste auch den Grund, warum es so war.


Vor ein paar Wochen hatte sie gesagt, dass das Buch von Frau Moritz voll langweilig sei. Seit dem war Linas Lehrerin sauer auf sie und Lina bekam diese total schweren Sätze aufgedrückt.

Doch was sollte sie dagegen tun?
Lina musste doch machen, was ihrer Lehrerin von ihr verlangte. Ansonsten war Ärger vorprogrammiert und Ärger wollte Lina ja nun auch nicht bekommen.

Doch als Frau Moritz heute das Klassenzimmer betrat, war alles anders.
„Lina, magst Du mal nach vorne kommen?“, mit einem schlechten Gewissen schlich Lina zum Lehrerpult.
„Woher wusste Frau Moritz es schon?“, dachte Lina und überlegte, wer gepetzt haben könnte.
Außerdem, so fand Lina es zumindest, war es gar nicht so schlimm, ein Kaugummi unter den Tisch zu kleben. Klar, es war verboten. Aber der Unterricht hatte doch schon begonnen und Lina hatte vergessen, ihr Kaugummi aus dem Mund zu nehmen.
Um zum Mülleimer zu gehen, blieb keine Zeit mehr und so klebte diese blöde Ding jetzt unter ihrem Tisch.

„Es tut mir Leid.“, sagte Lina, als sie bei Frau Moritz angekommen war und ergänzte ihren Satz mit einem, „Ich mache es auch nicht wieder. Soll ich es jetzt gleich in den Mülleimer werfen?“
„Es wird wohl das Beste sein.“, bekam Lina zur Antwort. Frau Moritz hatte keine Ahnung, um was es gerade ging, war aber gespannt, was sie gleich erfahren würde.

Als Lina mit dem klebrigen Teil zum Mülleimer ging, musste Frau Moritz lachen. Durfte es sich aber nicht anmerken lassen.
„Ab zum Händewaschen.“. hörte Lina ihre Lehrerin sagen und als sie damit fertig war, stand sie wieder, mit einem ganz schlechten Gewissen, vorne am Pult.

„Du bist heute dran und darfst dir ein Buch aussuchen.“, sagte Frau Moritz. Erleichtert fiel Linas Blick auf den Tisch, auf dem Frau Moritz die Bücher ausgebreitet hatte.
Eigentlich gefiel Lina keines der Bücher. Aber heute hielt sie für besser, es nicht zu sagen. Immerhin war die Kaugummiaktion relativ glimpflich abgelaufen.
Lina tippte auf das Buch mit dem kleinen Mädchen auf dem Cover und bekam es auch gleich in die Hand gedrückt.

Mit dem Buch ging Lina zurück auf ihren Platz und musste die Lesestunde beginnen. Wieder ging das Buch, der Reihe nach, an alle Schüler und erst, als es zur Pause klingelte, wurde es wieder zurück zu Frau Moritz gebracht.

Ganz zufällig war es Lina, die das Buch zurückbringen musste. Nachdem sie es auf das Lehrerpult gelegt hatte, wollte sie sich schnell in die Pause verdrücken. Leider wurde nichts daraus.

Strafe muss sein. Obwohl Frau Moritz die Kaugummiaktion von vorhin, zwar komisch gefunden hatte, durfte Lina nicht ganz ohne eine Extraaufgabe davon kommen.
„Lina, morgen in der ersten Unterrichtsstunde ist wieder Leseunterricht. Du schreibst zu morgen eine kleine Geschichte und liest sie uns vor.“
„Eine Geschichte?“
„Ja. Du darfst dir aussuchen, über was Du schreiben möchtest.“


Als Lina Schulschluss hatte, wusste sie noch immer nicht, was sie schreiben sollte. Ihr fiel einfach keine Geschichte ein.
Ihre Eltern wollte sie auch nicht fragen, da sie dann garantiert hätte erzählen müssen, warum sie eine Geschichte schreiben musste.

Beim gemeinsamen Abendessen hatte sie plötzlich eine Idee.
Linas Papa, erzählte seiner kleinen Maus, jeden Abend eine Traumzuggeschichte und genau eine solche Geschichte, wollte sie auch schreiben.

Ganz unruhig saß Lina am Tisch und konnte es kaum erwarten, dass das Abendessen vorüber war. Sie wollte endlich loslegen und sie hatte sogar schon den Titel für ihre Geschichte im Kopf.

Als alles abgeräumt war, lief Lina in ihr Zimmer und setzte sich sofort an den Schreibtisch. Zum Glück hatte sie ihn gerade gestern aufgeräumt und so brauchte sie jetzt keine Sachen zur Seite packen, die sie bei beim schreiben stören könnten.

„Oh manno, es ist ja gar nicht so einfach eine Geschichte zu schreiben.“, dachte Lina zunächst. Aber als sie eine ganze Weile später fertig war, sah sie voller stolz auf ihren Block. Doch es gefiel ihr noch nicht so richtig. Viel zu oft hatte sie Worte, oder sogar manchmal ganze Sätze, durchgestrichen.
„Nein, so sieht es nicht schön aus.“, dachte Lina und riss den Zettel aus dem Block heraus.

Als Linas Papa in ihr Zimmer kam und sagte, dass sie sich langsam Bettfertig machen sollte, war sie fast fertig.
Lina war dabei, die Geschichte in Schönschrift abzuschreiben und es fehlten nur noch zwei Sätze.
„Papi, darf ich es noch fertig machen?“
„Was machst Du denn schönes?“
„Ich schreibe eine Traumzuggeschichte.“
„Dann mach sie mal fertig.“, etwas verwundert, aber trotzdem sehr stolz auf seine kleine Prinzessin, verließ der Vater das Kinderzimmer.

Fünf Minuten später kam Lina, mit einem Zettel in der Hand, in das Wohnzimmer. Linas Papa war schon sehr neugierig auf die Geschichte und freute sich darauf, sie jetzt hören zu dürfen.
„Dann leg mal los.“, sagte er und machte es sich auf dem Sofa gemütlich.
„Womit soll ich loslegen?“
„Ich denke, Du liest mir jetzt deine Traumzuggeschichte vor?“
„Nein. Ich möchte sie Emmi vorlesen. Darf ich sie anrufen?“
„Jetzt noch? Es ist doch schon ganz schön spät.“
„Bitte Papili. Es ist ganz doll wichtig für mich.“
„Na los.“

Mit dem Telefon in der Hand verschwand Lina wieder in ihrem Zimmer. Ungefähr zehn Minuten später war sie wieder da und legte das Telefon auf seinen Platz zurück.
„Und jetzt gehe ich schlafen. Bringst Du mich ins Bett?“
„Logisch. Steig auf.“

Lina sprang auf Papas Rücken und wurde ins Bett gebracht.
„Liest Du mir jetzt deine Geschichte vor?“
„Nein Papa. Ich bin müde. Schreiben ist echt anstrengend. Sei aber nicht traurig, ich lese sie dir morgen Abend vor.“
„Okay. Ich freue mich darauf.“

Nervös stand Lina am nächsten Morgen am Pult der Lehrerin und übergab Frau Moritz den Zettel mit ihrer Geschichte.
Doch Frau Moritz wollte den Zettel gar nicht haben. Sie stand auf und bat Lina darum, dass sie sich auf den Stuhl der Lehrerin setzen sollte.
Als Frau Moritz sich auf den Platz von Lina gesetzt hatte, konnte es losgehen.


Der Traumzug

Als das Kleine Mädchen schon längst eingeschlafen war, klopfte es an ihrem Fenster. Der Traumzug stand davor und als das kleine Mädchen das Fenster geöffnet hatte, kam der Traumzug direkt in ihr Kinderzimmer gefahren.
Der Schaffner stieg aus und begleitete sie in den Zug.
Auf dem Tisch vor ihrem Platz stand eine Apfelschorle und direkt daneben konnte sie den leckersten Apfelkuchen erkennen, den sie jemals in ihrem Leben gesehen hatte.

Die Fahrt ging an den Wolken vorbei und als sie ganz oben am Himmel angekommen waren, umkreiste der Zug einige Sterne, bis er sich wieder langsam der Erde näherte.
„Alle aussteigen“, hörte das kleine Mädchen den Schaffner rufen und schon stieg sie, zusammen mit allen anderen Kindern, aus dem Zug aus.
„Wo sind wir?“, wollte das kleine Mädchen wissen.
Gemeinsam mit allen anderen Kindern, wartete sie ganz gespannt auf die Antwort vom Schaffner.
„In Omaschlafhausen.“, war die kurze Antwort und schon machten sich alle auf den Weg zu einem kleinen Dorf.

Ein Mädchen aus der letzten Reihe fragte ganz erstaunt,
„Was soll denn Omaschlafhausen bedeuten?“, doch eine Antwort bekam sie nicht.
Alle liefen gemeinsam zu dem kleinen Dorf und konnten staunend erkennen, dass in diesem Dorf nur Omas wohnten.

Was die Kinder aber noch sehr viel mehr zum staunen brachte war, dass es ihre eigenen Omas waren, die sie überall im Dorf sehen konnten.
Aber sie sahen nicht nur ihre eigenen Omas.
Die Kinder konnten auch sich selbst erkennen.


Überall im Dorf waren die Kinder mit ihren Omas zu sehen. Alle hatten Spaß und es war tatsächlich so, dass sie etwas ganz merkwürdiges sahen.
Bei ihren Omas durften sie Dinge machen, die sie bei ihren Eltern nicht gedurft hätten. Es gab zwei, anstatt nur einer Kugel Eis. Der Fernseher blieb eine Stunde an, obwohl sie sonst nur eine halbe Stunde gucken durften.
Ja, sie konnten am Abend sogar länger aufbleiben als sonst.

„Warum sind wir hier?“, wollte eines der Kinder wissen.
„Weil hier alle Kinder üben, wie sie in den Ferien, für vier Nächte bei ihrer Oma bleiben können.
„Ich bin hier aber auch. Schau mal, dahinten liege ich und schlafe mit meiner Oma zusammen im großen Bett.“
„Siehst Du, dann brauchst Du doch vor nächste Woche gar keine Angst mehr zu haben.“, sagte der Schaffner.

Das kleine Mädchen dachte kurz über die Worte nach.
„Nein, dass brauche ich nicht. Ab jetzt freue ich mich ganz doll darauf, bei meiner Oma zu sein.
Schnell ging es zurück in den Zug.

Alle Kinder waren schon ganz schön müde und freuten sich auf ihr Bett.
Aber noch mehr freuten sie sich, auf die Tage bei ihrer Oma.


Etwas ängstlich sah Lina in die Runde.
Alle Klassenkameraden blickten auf sie und Lina hatte ein mulmiges Gefühl in ihrem Bauch. Doch dann stand Frau Moritz auf und begann zu klatschen.
Auch Linas Klassenkameraden machten mit und als sie mit einem hochroten Kopf endlich wieder auf ihrem Platz saß, wurde sie von Emmi ganz fest in den Arm genommen.
„Siehst Du Lina, ich habe doch schon gestern Abend am Telefon gesagt, dass deine Geschichte toll ist.



(Ben Bertram)

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