Donnerstag, 7. April 2016

Das Wochenende naht ...

Und ihr seid bestimmt "hungrig" ...

Hungrig auf Lesestoff! ;-)

Wie wäre es mit dem neuen -dem fünften- Roman von Kerry Greine und mir?

"Tränen auf deinen Wangen"

... ist der Titel und wer mag, kann ihn nicht "nur" downloaden, sondern auch jetzt und hier, eine Leseprobe "verhaften" ...


Viel Freude! :-)

Partytime

Mit einem Glas Sekt in der Hand unterhielt ich mich gerade mit Ruth, der Freundin meiner Ma, als ich eine Bewegung im Türrahmen wahrnahm. Nur aus dem Augenwinkel erkannte ich es, und doch war es wie ein innerer Zwang, mich umzudrehen. Vielleicht lag es daran, dass ich schon die ganze Zeit heimlich nach Noah Ausschau hielt. Natürlich nicht zu offensichtlich, schließlich sollte keiner merken, wie nervös und aufgeregt ich vor der ersten Begegnung mit meinem Mann nach so vielen Wochen war. Er war zu spät, und mit jeder Minute, die verging, stieg meine Nervosität an.
Als ich den Kopf wandte, schaute ich wie magisch angezogen in graue Augen. Da war er. Der Moment, in dem ich Noah erblickte.
Auf einmal war alles um mich herum ausgeblendet. Ich hörte Ruths Worte nicht mehr, die weiter auf mich einsprach. Die Musik, die aus dem Garten hereinschallte, verstummte für meine Ohren und mein Blick nahm keine andere Person im Wohnzimmer unserer Eltern mehr wahr. Für mich existierte in diesem Moment nur noch einer – mein Noah! Ich versuchte, ihm zuzulächeln, während er meinen Blick ernst und still erwiderte. Keiner von uns rührte sich, doch ebenso war keiner in der Lage, unseren Blickkontakt zu lösen. Ich hörte das Blut förmlich in den Ohren rauschen, mein Herz pochte in doppeltem Tempo und meine Knie wurden weich. Nervös suchte mein Daumen meinen rechten Ringfinger und strich darüber. Immer wieder und wieder. Bis vor ein paar Wochen hatte dort noch mein Ehering gesessen, doch nun war er leer. Trotzdem schaffte ich es nicht, diese Macke, die ich mir in der Zeit seit unserer Hochzeit angeeignet hatte, abzulegen.
Tief durchatmend zwang ich mich, wegzuschauen. Fahrig wanderte mein Blick durch den Raum, landete aber nach ein paar Sekunden wieder bei Noah, der noch immer unbeweglich am selben Fleck stand und seinen Vater völlig ignorierte. Dieter schaute zu mir, dann auf Noah. Ein wissendes Lächeln schlich sich auf seine Lippen und wurde schnell zu einem zufriedenen Grinsen. Ohne einen weiteren Versuch zu machen, mit Noah zu sprechen, durchquerte er das Wohnzimmer und ging in den Garten. Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Verdammt, was machte ich hier eigentlich? Ich starrte meinen eigenen Mann an, als wäre ich ein Teenager, der seinen Lehrer anhimmelt.
Das ist vorbei, Malin! Die Beziehung zwischen euch ist beendet. Lern endlich, damit zu leben! Du bist nicht mehr die Frau, die er will. Da ist es völlig egal, was du empfindest, wie sehr du ihn liebst.

Laras Worte kamen mir wieder in den Sinn. Nach unserer Shoppingtour hatte sie mich vor meiner Haustür in den Arm genommen und mir viel Glück für den heutigen Abend gewünscht.
„Und vergiss nicht, er darf nicht erfahren, wie sehr du unter der Trennung leidest. Sei cool, sei ein wenig unnahbar. Wenn du es ihm nicht wert bist, dass er dich liebt, dann sei dir wenigstens selbst so viel wert, auf ihn zu scheißen!“
Ich musste lächeln, als ich an Laras unkonventionelle Wortwahl dachte. Wenn sie wollte, war sie ein Engel, ein richtiges Mädchen, aber wehe, sie machte den Mund auf, dann konnte sie fluchen wie ein Bierkutscher!
Innerlich richtete ich mich auf, machte mich gerade und dankte im Stillen meiner Ma, die die Gäste aus dem Wohnzimmer in den Garten zum Essen rief.
Draußen standen mehrere hübsch eingedeckte Tische. Weiße Tischdecken, das gute Porzellan mit dem Goldrand, glänzende Weingläser, sogar das gute Silberbesteck hatte meine Ma herausgeholt. Ungefähr vierzig Leute befanden sich auf dieser Feier und über jedem Teller lag ein kleines, handgeschriebenes Namenskärtchen. Mit meinem halb vollen Sektglas in der Hand machte ich mich auf die Suche nach meinem Platz. Als ich ihn endlich gefunden hatte, schluckte ich hart. O nein! Mama! Das konnte doch nicht wahr sein!
Ich wusste, meine Ma und Dieter würden es nur zu gern sehen, wenn Noah und ich wieder zusammenkämen. Mehrfach hatten sie mir gegenüber darauf angespielt, aber dass sie solch eine Aktion fahren, hätte ich nicht gedacht. Mein Tischherr war niemand anderes als mein Mann.
Obwohl auf dieser Feier mehrere alleinstehende Männer unterschiedlichen Alters waren, war es ausgerechnet Noah, den sie neben mich gesetzt hatte. Wie konnte sie nur? Sie wusste doch nicht einmal, ob wir nicht womöglich die ganze Party sprengten, weil wir uns hier die Köpfe einschlugen. Na gut, davon war wohl so oder so nicht auszugehen, dafür waren wir beide viel zu gut erzogen, als dass wir unsere Streitigkeiten in der Öffentlichkeit austrugen.
Dennoch war mir in dieser Sekunde eines klar: Diesen Abend würde ich nur mit viel Alkohol überstehen!
Noah schien es ähnlich zu gehen, denn als er kurz nach mir an unserem Tisch auftauchte und mich entdeckte, stockte auch er. Dann setzte er sich.
„Hallo, Malin“ war das Einzige, was er mit einem flüchtigen Blick auf mich rausbrachte. Dieses Knistern, das eben noch im Wohnzimmer zwischen uns geherrscht hatte, war verschwunden – oder ich hatte es mir von Anfang an nur eingebildet.
Ja, vermutlich war es Letzteres. Der Wunsch war Vater meines Gedankens, dass Noah mich ebenso sehnsüchtig gemustert hatte wie ich ihn. Schnell vertrieb ich diesen Moment des ersten Wiedersehens aus meinen Gedanken und griff nach der Rotweinflasche, die bereits geöffnet auf dem Tisch bereitstand.
„Du auch?“, fragte ich Noah, nachdem ich mir eingeschenkt hatte, und hob die Flasche in seine Richtung.
„Ja, gern. Danke!“ Ich bekam ein flüchtiges Lächeln, dann wandte er sich wieder ab und sprach mit der Dame, die auf seiner anderen Seite saß.

Meine Ma hatte für heute Abend einen Caterer bestellt. Das Essen, das die beiden ausgesucht hatten, war großartig. Nach den drei Gängen hatte ich das Gefühl, für die nächsten Wochen genug gegessen zu haben, und ich fühlte mich obendrein auch noch selig beschwipst. Der Wein hatte seine Wirkung hinterlassen, da es nicht bei dem einen Glas geblieben war. Nachdem ich am Anfang kaum einen Bissen hinunterbekommen hatte, weil Noahs Nähe meinen Puls in die Höhe trieb, hatte ich mein Weinglas geleert und gehofft, dass der Alkohol mich ein wenig entspannen würde. Es hatte geklappt. Mittlerweile hatte ich bereits drei Gläser intus, war satt und fühlte mich so gut wie schon lange nicht mehr.
Der Herr auf meiner anderen Seite hatte sich als Hans vorgestellt. Er war bestimmt schon Mitte siebzig, also eine ganze Ecke älter als Dieter, war aber ein Charmeur der alten Schule. Während des Essens unterhielt ich mich mit ihm und amüsierte mich königlich über seine niedlichen Komplimente und Flirtversuche. Er erzählte mir lustige Anekdoten aus seiner Jugend, und ich genoss es, ihm einfach nur zuzuhören.
Nachdem die Kellner des Caterers alle Tische abgeräumt hatten, wurde die Musik lauter gedreht. Meine Ma wollte tanzen und zerrte das lachende Geburtstagskind auf die Holzterrasse, die heute Abend die Tanzfläche darstellte. Während die Gäste dabei zuschauten, wie meine Mutter und Dieter tanzten, und sich allmählich zu den beiden gesellten, räumten die Kellner die Tische um und verteilten sie auf der Rasenfläche. Fackeln, die in den Beeten steckten, wurden angezündet und verbreiteten in der mittlerweile herrschenden Dunkelheit ein wunderschönes Licht. Auf den einzelnen Tischen standen Windlichter, die die romantische Stimmung noch verstärkten. Ich lehnte an einem Holzpfosten der Pergola, die die Terrasse überdachte, und beobachtete das Treiben auf der Tanzfläche. 
„Da haben die zwei sich ja echt ins Zeug gelegt, oder?“ Ich drehte mich um. Noah stand hinter mir und lächelte mich mit funkelnden Augen an. O nein, nicht zu genau hinschauen, Malin. Diese Augen sind scheißgefährlich!
Schnell blickte ich über den Garten.
„Ja, das haben sie. Es ist wirklich wunderschön geworden und das Essen war großartig.“
„Das stimmt. Magst du noch einen Wein?“ Erst jetzt erkannte ich die Flasche, die er in den Händen hielt, und zwei Gläser, die er sich mit der Öffnung nach unten am Stiel zwischen die Finger geklemmt hatte. Fragend hob er mir beides entgegen und legte den Kopf ein wenig schief.
„Ja, gern!“
„Lass uns da drüben hinsetzen. Da ist es ein wenig ruhiger“, sagte Noah mit Blick auf die Tanzfläche, wo die Gäste gerade eine Polonaise anstimmten. Anscheinend war ich nicht die Einzige, die schon ganz gut angeschickert war.
Wir setzten uns an einen leeren Tisch und Noah schenkte uns ein. Dann stieß er mit seinem Glas ganz leicht an meines, bevor wir einen Schluck nahmen. Nachdem wir die Gläser abgesetzt hatten, breitete sich Stille zwischen uns aus. Zum ersten Mal, seit wir uns kannten, war diese Stille nicht angenehm. Ich merkte, wie ich mich verspannte, und nahm erneut einen großen Schluck Wein. Mein Daumen strich wieder über die leere Stelle an meinem rechten Ringfinger. Ich musste mir unbedingt einen Ersatz für den Ehering kaufen, damit ich wieder etwas hatte, was mich beruhigte, wenn ich nervös war. 
„Wie geht es dir?“, fragte Noah irgendwann leise. Ich schluckte und ließ meinen Blick durch den Garten schweifen. Was sollte ich ihm sagen? Die Frage überforderte mich ein wenig. „Ganz gut. Ich hab noch Ferien, und ich freue mich, dass das Wetter so genial ist.“
Forschend musterte Noah mich und ich stellte ihm die gleiche Frage.
Auf einmal fing er an zu erzählen. Je länger er redete, desto mehr taute er auf. Er sprach von seinem neuen Job im Fitnessstudio und davon, dass er sich ehrenamtlich im Krankenhaus engagieren wollte. Sein ganzes Gesicht strahlte, während er sprach, und er wirkte wahnsinnig glücklich mit seinem neuen Leben.
Ich war ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits freute ich mich sehr für ihn, dass er so voller Elan sein neues Leben in die Hand nahm, andererseits wurde mir in diesem Moment eines klar: Er vermisste mich nicht. Ich war Vergangenheit und ich würde es nicht wieder in seine Zukunft schaffen. Der Gedanke machte mich traurig, obwohl ich Noah sein Glück von ganzem Herzen gönnte.
Was du liebst, lass frei. Wenn es dich auch liebt, wird es zu dir zurückkehren.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich diesen Sinnspruch einmal gelesen hatte, aber in diesem Moment schoss er mir durch den Kopf. Ja, so war es wohl leider. Ich musste Noah freilassen.


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