Mittwoch, 2. März 2016

Gelogen

Lina hat gelogen


Lügen ist voll doof und eigentlich weiß Lina es auch ganz genau.
Sie war doch schließlich immer diejenige, die ihren Klassenkammeraden sagte, dass man mit Lügen nicht weiter kommt.

Aber Linas Papa hatte irgendwann mal, etwas von Notlügen erzählt. Und wenn Lina sich richtig erinnerte, hatte ihr Papa sogar gesagt, dass Notlügen erlaubt waren.
Ab wann es sich um eine Notlüge handeln würde? Lina hatte leider keine Ahnung.
Sie wusste zwar noch ganz genau, dass ihr Vater versuchte hatte, zu erklären, was diese komischen Notlügen sind.
Doch obwohl Lina gesagt hatte, dass sie ihn verstanden hatte, war es eigentlich nicht so.

Heute hatte sie von einer Notlüge gebrauch gemacht.
Allerdings hätte sie niemals damit gerechnet, dass eine Notlüge für so viel Wirbel sorgen könnte.

Um sechs Uhr sollte sie heute Abend, genau wie an allen anderen Tagen auch, Zuhause sein.
Doch Lina hatte beim spielen mit Emmi, einfach die Zeit vertrödelt. Als die beiden auf die Uhr sahen, war es bereits fast halb Sieben.


Zum Glück erinnerte sich Lina an die Worte ihres Vaters und so machte sie sich, zusammen mit Emmi, daran, eine Notlüge zu erfinden.
Als beide, ungefähr zehn Minuten später, bei ihren Eltern ankamen, legten sie sofort los und erzählten davon, was ihnen eben schlimmes passiert war.

Als sich Emmi und Lina, pünktlich auf den Weg nach Hause machen wollten, hielt ein großes Auto am Straßenrand. Ein Mann in dunkler Kleidung stieg aus und sagte zu den beiden Freundinnen, dass sie in das Auto einsteigen sollten.
Ihre Eltern hatten bei ihm angerufen, da sie heute Abend gemeinsam ins Kino gehen wollte.
Er sollte Lina und Emmi mit zu sich nehmen und den ganzen Abend auf sie aufpassen. Er hatte sogar Pizza für sie vorbereitet und einen tollen Film durften sie auch bei ihm gucken.

Natürlich hatten sie gesagt, dass sie dem Mann nicht glauben würden. Doch anstatt sie in Ruhe zu lassen, wurde er richtig wütend und wollte Emmi und Lina, an ihren Armen, in den Wagen hinein ziehen.

Zum Glück waren sie schneller und konnten weglaufen. Als sie an dem kleinen Fluss angekommen waren, versteckten sie sich im Gebüsch und kamen erst wieder heraus, als sie den Mann nicht mehr sehen konnten.

„Deshalb bin ich zu spät gekommen. Bekomme ich jetzt Ärger?“, war der letzte Satz, den Lina ihren Eltern sagte.
Emmi hatte ihren Eltern die gleiche Geschichte zur gleichen Zeit erzählt.

Während Linas Mutter ihrer Tochter in den Arm genommen hatte, lief ihr Vater zum Telefon. Er wollte Emmis Eltern anrufen, brauchte es aber nicht machen, da das Telefon bereits klingelte.
Emmis Vater hatte die gleiche Idee, war allerdings etwas schneller.

Als Linas Vater das Telefongespräch beendet hatte, zog er sich schnell Schuhe an und verließ die Wohnung.
„Ein weißer großer Wagen und der Mann hatte schwarze Kleidung an?, fragte er und nachdem Lina seine Frage mit einem „Ja“ beantwortet hatte, verließ ihr Vater blitzartig die Wohnung.

„Wohin geht Papa?“
„Er versucht, zusammen mit Emmis Vater, diesen gemeinen Menschen zu finden. Wenn sie ihn haben, rufen sie die Polizei an.“
„Wirklich?“
„Natürlich. Solche gemeinen Menschen werden von der Polizei geholt und eingesperrt. Ich bin wirklich sehr stolz auf Emmi und dich. Ihr habt euch richtig toll verhalten.“

So richtig freuen, konnte sich Lina nicht über die Worte ihrer Mama. Sie hatte ein ganz schlechtes Gewissen und wusste nicht, was sie jetzt machen sollte.
Eine ganze Weile saß sie bereits auf ihrem Bett und dachte darüber nach, dass diese erlaubten Notlügen, doch gar nicht so toll sind, wie es gedacht hatte.
Ihr Papa tat ihr auch ganz doll leid, da er jetzt, zusammen mit Emmis Papa, dabei war, einen Mann zu suchen, den es doch gar nicht gab.

Aber jetzt sagen, dass die Geschichte nicht wahr gewesen ist, konnte Lina auch nicht. Sie und Emmi hatten schließlich darauf geschworen, dass keiner etwas anderes sagen durfte.
Doch Lina kam mit ihrem schlechten Gewissen nicht klar. Sie musste sich selbst erlösen und vor allem wollte sie nicht mehr, dass ihr Papa blöd durch die Gegend rennen musste.

Endlich hatte sie eine Idee.
So leise es ging, schlich sie in das Wohnzimmer und schnappte sich das Telefon. Als sie wieder in ihrem Zimmer angekommen war, schloss sie die Tür und wählte Emmis Nummer. Lina hatte Glück. Emmi ging gleich ran und so konnten die beiden Freundinnen gemeinsam beratschlagen, wie sie aus ihrer Notlüge, wieder herauskommen konnten.

„Lass und doch einfach die Wahrheit sagen.“
„Meinst Du?“
„Klar Emmi. Dann brauchen unsere Väter auch nicht mehr nach dem Mann zu suchen, den es gar nicht gibt.“
„Und wenn wir dann Ärger bekommen?“
„Ärger bekommen wir doch auch, wenn unsere Eltern die Wahrheit herausfinden. Mein Papa bekommt doch sowieso immer alles heraus.“
„Stimmt. Meiner auch.“

Als die beiden Mädels aufgelegt hatten, machten sie sich auf den Weg zu ihren Müttern. Schon an der Körperhaltung von Emmi und Lina war zu erkennen, dass sie etwas Blödes angestellt hatten und so warteten die Mütter ganz gespannt darauf, was sie gleich erfahren würden.

Als Lina alles gebeichtet hatte, griff ihre Mutter zum Telefon.
„Wen rufst Du an?“
„Die Polizei. Ich muss denen doch sagen, dass die Geschichte, die Du erzählt hast, nicht wahr ist.“

Mit einem schlechten Gewissen und großer Angst davor, was die Polizei jetzt mit ihr machen würde, verschwand Lina in ihrem Zimmer.
Dass ihre Mutter die Handynummer von Linas Papa gewählt hatte, konnte Lina nicht wissen.

Ihre Angst vor dem Erscheinen der Polizei wurde noch größer, als es wenige Minuten später, an der Haustür klingelte.

Durch das Schlüsselloch ihrer Kinderzimmertür beobachtete Lina, ihre Mama dabei, wie sie die Haustür öffnete.
Als Lina erkannte, dass es ihr Papa war, der geklingelt hatte und er auch ohne die Polizei im Schlepptau, die Wohnung betrat, konnte sie nicht anders.


Lina riss die Kinderzimmertür auf, und lief zu ihren Eltern. Träneüberflutet und mit einem ganz schlechten Gewissen, sprang sie ihrem Papa auf den Arm und weinte bitterlich.

Als Lina mit ihren Eltern im Wohnzimmer saß und sie alle besprochen hatten, versprach Lina, dass sie nie im Leben wieder eine Lüge erzählen würde und es ihr alles ganz doll Leid tat.
„Ich habe die Geschichte doch nur erfunden, weil Notlügen erlaubt sind. Papa, kannst Du mir noch mal erzählen, was Notlügen eigentlich genau sind?“
„Notlügen sind genauso doof wie richtige Lügen. Vergiss einfach, was ich dir über diese blöden Notlügen gesagt habe. Es war falsch von mir.“
„Wollen wir einfach abmachen, dass unsere Familie gar nicht lügt? Nicht einmal mit diesen komischen Notlügen?“, erwartungsvoll sah Lina ihre Eltern an.
„Ja, so machen wir es.“, antwortete Linas Papa und ihre Mama stimmte zu.

„Bekomme ich jetzt noch dollen Ärger?“, wollte Lina wissen.
„Heute ist Fernsehverbot.“, antwortete ihr Papa und brachte seine kleine Prinzessin ins Bett.
Ganz ohne Strafe hätte er es als falsch empfunden. Wobei diese Strafe eigentlich auch keine Strafe war. Normalerweise schlief Lina um diese Uhrzeit nämlich schon eine ganze Weile.

„Oh manno, da habe ich ja etwas Schönes angerichtet.“, dachte Linas Papa und wunderte sich, dass seine Frau mit einem lachenden,
„Ja hast Du.“, antwortete.


(Ben Bertram)


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