Samstag, 20. Februar 2016

Telefonieren

Anruf bei Opili


Nicht immer läuft alles so, wie man es sich im Leben wünscht.
Es ist bei den Erwachsenen nicht so und wenn die es schon nicht hinbekommen, kann es bei kleinen Mädchen doch nicht anders sein.

Lina war so unendlich traurig.
Das Kaninchen von Emmi war krank und musste zum Tierarzt. Was es hatte, war leider etwas ganz schlimmes. Nicht nur Emmi saß mit Tränen in den Augen, in ihrem Kinderzimmer. Nein, auch Lina trauerte und hoffte, ebenso doll wie ihre Freundin, dass es schnell wieder gesund werden würde.

Die Schule war schon lange vorbei und eigentlich hätten die beiden Mädchen längst schlafen sollen.
Doch Emmi konnte nicht schlafen, da sie darauf wartete, dass ihr Papa wieder vom Tierarzt zurückkommen würde.
Da Lina ihre beste Freundin war und außerdem versprochen hatte, so lange aufzubleiben, bis Emmi sie anrufen und ihr erzählen würde, wie es dem Kaninchen ginge, war an Schlaf natürlich nicht zu denken.


Lenny hatte übrigens voll verschissen. Er hatte heute, in der großen Pause, doch tatsächlich gesagt, dass so ein Karnickel garantiert keine Operation überleben würde. Außerdem war er der Meinung, dass es bei Kaninchen sowieso egal sei. Immerhin gab es doch ganz viele davon. Bei einem Tiger wäre es anders. Die müssen gerettet werden, da noch wenige von ihnen leben würden.

Lina war es, da Emmi nach diesen blöden Worten in Tränen ausgebrochen war, die Lenny geantwortet hatte.
Seinem Blick nach, hatte er die Worte von Lina kapiert. Allerdings hatte sie ihm auch sehr deutlich gesagt, dass es zwar viele Kaninchen auf dieser Welt geben würde, allerdings jedes für sich, ein ganz besonderes Kaninchen sei.
Außerdem hatte sie Lenny noch die Frage gestellt, wie er sich wohl fühlen würde, wenn sein Hamster ganz doll krank wäre.

Doch dann drehte sie sich auch ganz schnell wieder zu ihrer Freundin. Immerhin musste sie heute, noch mehr als an allen anderen Tagen, für sie da sein.
Lennys schlechtes Gewissen war gut zu erkennen. Doch als er kapiert hatte, welch doofe Worte er gesagt hatte, war es zu spät.
Die Mädchen ignorierten ihn. Sie taten einfach so, als wäre er gar nicht da und gingen auf die andere Seite der großen Linde, die alle Lehrer und Schulkinder, nur den Lebensbaum nannten.

„Hat Emmi schon angerufen?“
Wieder kam Lina ins Wohnzimmer und fragte ihre Eltern.
„Nein, noch nicht. Willst Du nicht lieber schlafen gehen? Morgen ist doch Schule.“
„Papa, dass geht doch nicht. Emmi ist meine beste Freundin!“, empört antwortete Lina ihrem Vater, der sich bereits jetzt über seine Frage ärgerte.

Auch Eltern sind nicht immer schlau und manchmal sagen sie sogar Sachen, die nicht schlau sind. Was wahrscheinlich daran liegen mag, dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene täglich lernen müssen.

Selbstverständlich wäre auch Linas Papa nicht ins Bett gegangen, wenn es einem Freund von ihm nicht gut gegangen wäre. Und ebenso selbstverständlich, hätte er solange auf den Anruf seines Freundes gewartet, bis endlich das Telefon geklingelt hätte.

Endlich!
Das Telefon begann zu klingeln und Lina rannte wie ein geölter Blitz zur Telefonstation, um den Hörer herauszunehmen.
„Ist alles gut?“
„Ähm … Ja, bei mir ist alles gut.“
„Lenny? Was willst Du denn? Ich dachte Emmi wäre am Telefon.“
„Ich wollte fragen, wie es Emmis Kaninchen geht.“
„Ich weiß es nicht. Emmi hat noch nicht angerufen.“
„Du Lina, ich möchte mich auch noch für heute entschuldigen.“
„Ich muss jetzt auflegen, damit Emmi mich erreichen kann. Tschüß Lenny.“

Antworten konnte der kleine Junge nicht mehr. Lina hatte bereits den roten Knopf, für die Beendigung des Gespräches, gedrückt.
Mit dem Telefon in der Hand und einem noch immer nachdenklichen Blick, verließ Lina den Raum und ging in ihr Zimmer.


Irgendwie war es sehr ruhig geworden. Lina war bestimmt schon zehn Minuten nicht im Wohnzimmer der Eltern gewesen und ihr Vater wunderte sich etwas darüber.
Als Linas Papa nachsehen wollte, ob Lina eingeschlafen war oder sie vielleicht einfach nur müde und traurig in der Ecke sitzen würde, hörte er sie reden.

Vor der angelehnten Kinderzimmertür blieb er stehen und tat etwas, was man eigentlich nicht machen sollte.
Er lauschte!

Doch er lauschte nicht, weil er seine Tochter belauschen wollte, sondern weil er stolz auf seine kleine Lina war.
Sie telefonierte mit ihrem Opa.

Linas Opa erfuhr gerade, dass es dem Kaninchen von Emmi gar nicht gut gehen würde. Das sie ganz doll müde war, aber doch nicht schlafen dürfe, da sie auf den Anruf von Emmi warten musste.
Ihr Opa erfuhr auch noch davon, wie blöde sich Lenny heute verhalten hatte. Allerdings verschwieg Lina auch nicht, dass Lenny sich bereits gemeldet und entschuldigt hatte.

Warum Lina ausgerechnet heute mit ihrem Opa Dieter telefonierte, konnte sich ihr Vater gar nicht richtig erklären. Sie mochte ihren Opa zwar sehr gerne, der Kontakt war, durch die Entfernung von hundert Kilometern, aber eher gering.
Auch daran, dass Lina bei ihm bereits häufiger mal angerufen hatte, konnte sich ihr Vater nicht erinnern.

Opa-Oben, der seinen Namen daher hatte, dass er im selben Haus, nur eine Etage höher wohnte, war eigentlich immer ihr Lieblings-Opa gewesen. Doch ihr Opili, wie sie ihn auch häufig genannt hatte, war bereits vor zwei Jahren gestorben.

Auch wenn Linas Papa das Gespräch nur sehr ungern unterbrechen wollte, war er der Meinung es tun müssen. Immerhin wollte Emmi anrufen und wenn das Telefon ständig besetzt war, konnte sie dies natürlich nicht machen.

Doch gerade, als Linas Papa das Kinderzimmer betreten wollte, hielt er inne. Er brauchte das Telefongespräch nicht mehr beenden, da er das Telefon klingeln hörte.
Während er verwundert durch den Spalt der Kinderzimmertür blickte, hörte er Lina sagen,
„Du Opili, ich muss jetzt aufhören. Emmi ruft gerade an. Ich melde mich wieder.“

Lina legte das alte Spiel-Handy, dass sie irgendwann einmal von ihren Eltern bekomme hatte, auf ihr Bett und griff nach dem richtigen Telefon.
„Hallo Emmi, ist alles gut mit dem Kaninchen?“

Langsam ging Linas Papa zurück ins Wohnzimmer. Doch er setzte sich nicht zu seiner Frau auf das Sofa. Er ging am Sofa vorbei und öffnete die Balkontür.
Als er in den dunklen und klaren Himmel sah, erkannte er den Stern, der schon immer der Stern, von seinem Vater und ihm gewesen war.
„So so Papa, Du telefonierst also immer mit deiner Enkelin? Danke dafür! Du warst und bist der tollste Vater der Welt.“

Zu mehr Worten kam Linas Papa nicht.
Lina kam ins Wohnzimmer gerannt und strahlte.
„Emmis Kaninchen ist wieder gesund!“, hörte er seine Tochter rufen.

„Du Mama, wo ist den Papili?“
In diesem Moment kam ihr Vater wieder vom Balkon und breitete seine Arme aus. Lina nahm die Einladung sofort an und sprang auf seinen Arm.
„Hast Du gehört? Emmis Kaninchen ist wieder ganz gesund!“
„Ja habe ich.“
„Papi, Du weinst ja.“
„Aber nur vor Glück! Ich freue mich einfach gerade ganz doll.“
„Darüber, dass Emmis Kaninchen wieder gesund ist?“
„Auch.“
Die beiden drückten sich ganz fest und ließen sich erst eine ganze Weile später wieder los.

„Ich möchte ins Bett. Trägst Du mich?“
„Na klar … Auf geht`s!“

Als Linas Papa sein kleines Mädchen ins Bett gebracht hatte, musste auch noch Linas Mama zum kuscheln kommen.

Die Frage, ob Lina häufiger mit ihrem Opili telefonieren würde, stellte ihr weder Mama noch Papa.
Sie waren einfach glücklich darüber, eine solch tolle Tochter zu haben.
Eine kleine Tochter, die für sich selbst entschieden hatte, mit ihrem Opili telefonieren zu wollen.


(Ben Bertram)

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