Samstag, 27. Februar 2016

Angst

Lina hat Angst


Angst haben ist doof.
Schnell war Lina klar, dass sie dieses Gefühl sehr blöd Fand.
Da sie aber leider nicht wusste, was sie gegen dieses doofe Gefühl machen konnte, versuchte sie ihre Angst, mit der großen Bettdecke ihres Vaters, zu besiegen.

Leider funktionierte dieser Trick auch nicht.
Gerade, als sie wieder unter der Bettdecke heraus krabbeln wollte, hatte sie das Gefühl erdrückt zu werden.

Linas Papa hatte gesehen, dass seine kleine Maus unter der Bettdecke lag und da er lustig sein wollte, legte er sich einfach auf sie drauf.
„Papa lass das. Ich bekomme keine Luft mehr und Du tust mir auch weh.“

Die Decke wurde weggezogen und Lina lag wieder im hellen. Doch anstatt aufzustehen, setzte sich Linas Papa nun auf sie rauf, hielt ihr die Arme fest und leckte ihre kleine Nase.
„Papa Du bist ekelig. Lass mich endlich aufstehen und höre damit auf, mir ständig die Nase zu lecken.“

Nachdem ihr Vater sich auf die andere Bettseite gelegt hatte, war der Weg für Lina frei. Doch anstatt zu gehen, blieb sie auf der Bettkante sitzen und blickte auf ihre Füße, die in der Luft baumelten.


„Darf ich bei Emmi anrufen?“
„Jetzt noch? Es ist doch schon ganz schön spät.“
„Bitte.“
„Dann mach. Aber nicht mehr so lange.“

Fünfzehn Minuten später klopfte Linas Papa an ihrer Kinderzimmertür. Dies war ihr Zeichen dafür, dass Lina langsam das Telefongespräch beenden sollte.
Doch anstatt, wie sonst, mit der Bitte zu kommen, dass Lina noch fünf Minuten telefonieren durfte, öffnete sie die Tür und drücke ihrem Vater das Telefon in die Hand.

Mit dem Telefon in der Hand stand Linas Vater in der offenen Tür und fragte sich, was mit Lina los war. War sie einfach nur müde? Hatte sie einen schlechten Tag? Oder gab es etwas, bei dem er seiner Tochter unterstützen musste?

Linas Papa sah seine Tochter auf ihrem Bettchen sitzen. Neben ihr, konnte er einige Zettel erblicken.
Als er sich zu ihr setzte, versuchte Lina die Zettel schnell zusammenzuschieben. Sie hoffte, dass ihr Vater nichts erkennen konnte.
Doch erstens wissen Väter sowieso alles und zweitens, war die Überschrift, auf einem der Zettel, gut zu erkennen.

Es ging um englische Vokabeln und Linas Vater bekam ein mulmiges Gefühl.
„Schreibt ihr einen Test?“
„Ja.“
„Wann denn?“
„Morgen.“
„Hast Du ordentlich geübt?“
„Nicht so richtig.“
„Sondern?“
„Ich habe vergessen, dass wir den Test schreiben. Außerdem kann ich mir diese Vokabeln nicht merken. Ich hasse Englisch und kann diese Sprache auch nicht. Warum muss ich die überhaupt lernen? Ich wohne doch in Deutschland.“

Eine Diskussion darüber, weshalb man die englische Sprache können musste, machte jetzt keinen Sinn. Außerdem würde sie auch nicht helfen, da es schon ganz schön spät war und der Test bereits morgen geschrieben wurde.

„Dann lass uns jetzt zusammen üben.“
„Nein. Ich kapiere diesen Mist nicht. Außerdem habe ich Angst.“
„Vor was hast Du Angst?“
„Das ich die einzige aus der Klasse bin, die keine Vokabeln lernen kann.“
„Die keine Vokabeln lernen kann? Die es vergessen hat, ist wohl die bessere Beschreibung.“

Linas Papa griff nach den Zetteln und sah sich die zu lernenden Vokabeln an. Als er damit begann, Lina die ersten Begriffe zu nennen, bekam er keine Antworten.
Leider hatte Lina noch immer eine solche Angst vor dem morgigen Vokabeltest, dass sie alle Vokabeln, die sie normalerweise auswendig konnte, vergessen hatte.

So konnte es nicht funktionieren.
Doch Linas Papa hatte eine Idee. Ohne alles ausprobiert zu haben, wollte er nicht aufgeben.
„Wo ist denn Mamas CD?“
„Welche CD?“
„Die, die Du den ganzen Tag hörst.“
„Meinst Du diese hier?“
„Ganz genau die.“

Als Lina ihrem Vater die CD in die Hand gedrückt hatte, legte er sie in den CD-Player und schon begann Lady Gaga damit, etwas von „Marry the Night“, zu singen.
Nicht schön, dafür aber sehr laut, sang Linas Papa mit. Da er sich mit Absicht sehr dusselig, bei der Aussprache der Worte, anstellte, begann Lina damit, ihn zu verbessern.
„Papa, das Lied hat den Namen Marry the Night.“
„Ach so. Weißt Du auch, was es bedeutet?“
„Na klar weiß ich es. Sie singt, -Ich werde die Nacht Heiraten-!“

Als das erste Lied beendet war, legte Adele mit dem Song „Someone like you“ los. Gemeinsam mit Adele, grölte auch Linas Papa durchs Zimmer. Wieder laut und falsch. Aber auch dieses Mal wurde ihm erklärte, wie die Worte richtig ausgesprochen werden mussten. Selbstverständlich erklärte Lina ihm außerdem auch, was diese Worte auf Deutsch bedeuteten.

Beim nächsten Lied ging es weiter und als dann die ersten deutschen Lieder gesungen wurden, musste Lina ihrem Vater erklären, was einige der gesungenen Worte auf Englisch bedeuteten.
Immer häufiger, ging der Blick von Linas Papa, hinüber zu den Vokabelzetteln. Er lass die Vokabeln und baute sie, in das Lieder-Übersetzungs-Spiel mit ein.

Die Zeit verging wie im Flug.
Erst, als die Kinderzimmertür von Linas Mama geöffnet wurde, bemerkten die beiden, wie spät es bereits war.
„Was macht ihr denn hier? Sollte Lina nicht langsam mal schlafen?“

Erschrocken sahen Lina und ihr Papa auf den Wecker am Bett.
„Jetzt aber schnell kleine Maus. Ab ins Badezimmer.“
„Aber ich muss doch noch Vokabeln üben?“
„Das besprechen wir gleich. Jetzt machst Du erstmal den Flitzeflink und düst ins Badezimmer.“

Linas Mutter sah ihren Mann verwundert an. Dann sagte sie,
„Habe ich das jetzt richtig verstanden? Anstatt Vokabeln zu üben, habt ihr Musik gehört?“
„Ja.“, sagte Linas Papa lächelnd.
„Was gibt es da zu lachen?“
„Das erzähle ich dir nachher. Aber ich verrate dir schon, dass wir geübt haben. Nur heute mal auf eine andere Art.“


Linas Mama stand in der Küche, als Lina zurück ins Kinderzimmer ging.
„Du Papa, müssen wir jetzt noch Vokabeln lernen?“
„Noch mehr?“, Lina verstand die Worte von ihrem Papa nicht.

Als Linas Vater, Lina erklärt hatte, dass sie sie die ganze Zeit zusammen geübt hatten, sah sie ihren Papa erstaunt an.
„Du hast mich ausgetrickst.“
„In Notfällen ist es aber erlaubt, jemanden auszutricksen.“
„Üben wir jetzt immer so Vokabeln?“
„Nein. Der heutige Tag war eine Ausnahme.“

Zwanzig Minuten später kam Lina nochmals ins Wohnzimmer ihrer Eltern. Erstaunt, dass Lina noch immer nicht am schlafen war, sahen sie ihre Tochter an.
„Ich habe mir eben noch die Vokabelzettel angesehen. Ich kann sie jetzt alle.“
„Wie cool. Dann hat sich unser Üben ja gelohnt. Jetzt aber ab ins Bettchen.“

An der Tür blieb Lina kurz stehen und drehte sich um.
„Ich habe jetzt auch keine Angst mehr.“, mehr sagte sie nicht.

Antworten konnte ihr Papa allerdings auch nicht mehr. Lina war bereits in ihrem Zimmer verschwunden.



(Ben Bertram)

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