Samstag, 30. Januar 2016

Züge ... besondere Züge ... unsere Züge

Der Traumzug …


Es war ein aufregender Tag.
Nicht nur, dass Lina heute einen Mathetest in der Schule schreiben musste und kein gutes Gefühl hatte.
Nein, weitaus schlimmer war es heute, in der großen Pause, auf dem Schulhof für sie.

Dass ein achtjähriges Mädchen sowieso nicht viel von Jungs hält, war heute auch nicht das Problem. Aber, dass diese fiese Klicke von drei Schulkameraden dann auch noch ihren Teddy schlecht gemacht hatte, konnte und wollte Lina nun wirklich nicht verstehen.

Dabei fing alles so harmlos an. Endlich einmal spielten die Jungs und Mädchen zusammen Abklatschen in der Pause.
Lina und ihre beste Freundin Emmi, die eigentlich Emilie heißt und auch als Linas Zwillingsschwester durchgehen würde, waren glücklich darüber, heute mal mit den fiesen Jungs spielen zu dürfen.
Denn eigentlich waren diese Jungs gar nicht so gemein wie sie immer taten. Cool sein war angesagt und zum cool sein gehörte eben dazu, dass man die Mädchen aus der Klasse ärgern musste.

Doch kurz bevor die Pause beendet war, geschah es.
Wer auf das Thema gekommen war? Lina hatte keine Ahnung mehr und es war ihr auch schnurz Egal.
Mit wütenden Schritten ging sie, gemeinsam Emmi, zurück in das Klassenzimmer und setzte sich, mit einem lauten Seufzer und einigen Tränen in den Augen, auf ihren Platz.

Der Tag war für sie gelaufen.
So wie heute, wurden sie und Emmi, noch nie in ihrem Leben beleidigt.
Als Frau Moritz, die ihre Lehrerin war und natürlich bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte, eine Frage stellte, blieben die beiden Mädchen stumm.
Niemals würden sie über dieses Thema sprechen. Nie im Leben würden sie noch mal erzählen, was sie eben noch in der großen Pause, dieser fiesen Jungs-Klicke anvertraut hatten.

Das Abendessen schmeckte Lina auch nicht. Aber selbst, wenn es heute ihr Lieblingsessen gegeben hätte, wäre es nicht lecker gewesen.
Sogar ihre Eltern bekamen keine Antwort auf die Frage, was sie bedrückte. Viel zu peinlich wäre es gewesen, darüber zu sprechen. Lina fühlte sich wie ein kleines Kind. Wie ein Kindergartenmädchen und sie war sich sicher, ab heute etwas in ihrem Leben ändern zu müssen.

Lina lag schon im Bett, als ihr Papa den Teddy, den Lina immer zum schlafen im Arm hielt, im Mülleimer liegen sah.
Mit dem Teddy in der Hand und einem komischen Gefühl im Bauch, schlich er in Linas Zimmer. Als er gerade dabei war, ihr den Teddy unter die Bettdecke, in den Arm zu schieben, hörte er ein leises Schluchzen.
„Möchtest Du mir jetzt etwas erzählen?“
„Nein.“
„Darf ich mit unter deine Decke?“
„Oh ja.“

Als ihr Papa neben Lina im Bettchen lag, hielt er Linas Teddy noch immer in seiner Hand.
„War es heute blöd in der Schule?“
„Ganz doll blöd.“
„Wegen dem Mathetest?“
„Nein. Na ja, vielleicht ein bisschen.“
„Und was war noch?“
„Du Papa, hattest Du als Kind auch kein Kuscheltier?“
„Doch. Natürlich hatte ich ein Kuscheltier.“


Beide schwiegen wieder.
Lina kroch noch näher an ihren Papa heran und ihre Tränen hörten einfach nicht auf zu kullern.
Plötzlich hatte ihr Vater eine Idee. Eigentlich sogar zwei Ideen. Er wusste, was in der Schule losgewesen sein musste. Worüber er sich aber noch viel mehr freute war, dass er auch eine Idee hatte, wie er seiner kleinen Lina helfen konnte.

„Möchte mein kleines Mädchen eine Geschichte hören?“
„Oh ja!“
„Dann geht`s jetzt los …“

Als das kleine Mädchen tief und fest eingeschlafen war und auch ihre Eltern schon längst im Land der Träume angekommen waren, geschah etwas Sonderbares.
Neben ihrem Bettchen hielt der Traumzug und nachdem sich die Tür geöffnet hatte, trat der Schaffner heraus und weckte sie ganz zärtlich.

Sie stand auf und wunderte sich darüber, dass sie bereits angezogen war. Sie hatte ihr Lieblingskleidchen und die Schuhe mit den kleinen Absätzen an, die sie so sehr liebte und die sie nur, mit viel Überredungskunst, von ihrer Mama bekommen hatte.
Im Zug saßen viele andere kleine Mädchen und als sie zu ihrem Platz gebracht wurde, wurde aus dem Staunen ein Strahlen. Auch Emmi saß bereits im Zug und war dabei, eine Apfelschorle zu trinken.
Auf einem Tisch standen leckere Süßigkeiten in großen Gläsern und direkt daneben gab es die tollsten Kuchen, die Lina bisher gesehen hatte.

Dann fuhr der Zug los …
Er stieg hinauf in den Himmel und berührte mit seinem Schornstein fast die Wolken, die in Schäfchenform am Himmel zu erkennen waren.
Nur zu gerne, hätte Lina versucht, die Wolken zu berühren. Doch das öffnen der Fenster war leider verboten.

Auf die Frage, wohin die Reise denn gegen würde, bekamen sie die Antwort, dass es eine Überraschung sei und sie sich einfach freuen sollte.

Dann hielt der Zug auf einer großen Wiese an.
Alle stiegen aus und sahen sich verwundert um, da sie diesen Ort nicht kannten.
Am Rand der Wiese waren Bäume zu erkennen und genau in diese Richtung gingen sie, jeweils zu zweit und Hand in Hand, angeführt vom Zugschaffner.

Als sie an den Bäumen angelangt waren, konnten sie dahinter ein kleines Dorf erkennen. Es brannten nur noch wenige Laternen, die dafür sorgten, dass die Wege zwischen den Häusern mit etwas Licht versorgt wurden.
Emmi war es, die allen Mut zusammen nahm und fragte, ob dieser Ort einen Name hätte.
Die Antwort vom Schaffner verblüffte die Mädchen.
„Wir sind in Kuscheltierhausen.“

Dann ging es weiter. Gemeinsam liefen sie durch die kleinen Straßen von Kuscheltierhausen und blieben an den leicht geöffneten Fenstern stehen.
Einige Fenster waren etwas zu hoch für die Mädchen und so wurden sie, vom Schaffner, in die Höhe gehoben. Jetzt konnten sie gut erkennen, was es interessantes in den Kinderzimmern der Häuser zu erblicken gab.

In jedem Haus war es das Gleiche.
Und, auch wenn es nicht viel zu erkennen gab, kam mit jedem Blick, durch ein weiteres Fenster, ihr Lachen wieder zurück.


Als sie am Ende der Straße angelangt waren, sahen sich Emmi und Lina fröhlich an. Sie hatten genug gesehen und fühlten sich wieder sehr viel besser. Doch es ging ihnen nicht nur wieder gut, sie hatten auch ein schlechtes Gewissen.
Sie mussten ganz schnell zurück nach Hause. Zurück in ihr warmes Bettchen und zurück zu ihren Kuscheltieren, die sie mit einer dicken Entschuldigung, wieder aus dem Mülleimer befreien wollten.

„Geht es euch wieder besser?“, wollte der Schaffner von Lina und Emmi wissen, als sie dabei waren, wieder in den Traumzug einzusteigen.
Ein „Ja“ war die übereinstimmende Antwort, die jedoch mit einem Satz ergänzt wurde.
„Was ist, wenn die fiesen Jungs aus unserer Klasse, uns auch beim nächsten Mal wieder auslachen?“

Der Schaffner nahm die beiden Freundin an die Hand und lief mit ihnen nochmals, über die große Wiese, hinüber nach Kuscheltierhausen.
Als sie zusammen abermals die Straße entlang gingen, bog er mit den Mädchen in eine kleine Seitenstraße ein. Es war ein ganz kleiner Weg, den sie vorhin gar nicht gesehen hatten und an dessen Wegesrand, auch nur drei Häuser standen.

Wieder musste er die Mädchen hochheben, damit sie in die Fenster schauen konnten. Als er dies bei allen drei Häusern getan hatte, hörte das breite Grinsen von Lina nicht wieder auf.
Auch in diesen drei Häusern, konnten sie schlafende Kinder erblicken. Und genau, wie in all den anderen Häusern, hatten die Kinder ein Kuscheltier in ihrem Arm.

Doch in den letzten drei Häusern, gab es etwas Besonderes zu sehen. Es lagen nicht einfach nur Jungs, mit jeweils einem Kuscheltier im Arm, in den Betten.
Nein, die drei Jungs, waren die fiesen Klassenkameraden von Emmi und Lina. Auch diese drei Jungs, schliefen noch immer mit ihrem Lieblingstier im Arm ein.

Nur, dass sie im Gegensatz zu den anderen Kindern, es einfach nicht mehr zugeben wollten. Doch was ist cooler? Falsche Sachen zu erzählen?
Oder es zuzugeben, was man noch immer macht und liebt?

Jetzt mussten sie aber wirklich los.
Ganz langsam begann der Morgen damit, die Nacht zu vertreiben und da morgen wieder Schule war, mussten die Mädchen, zumindest noch etwas, schlafen.

Stolz auf sich und mit ihrem Teddy im Arm, den sie noch schnell aus dem Mülleimer befreit hatte, schlief Lina ein.



Der Papa dachte, dass sein kleines Mädchen schon längst eingeschlafen war und wollte vorsichtig und leise aus ihrem Bettchen krabbeln.
„Papa.“
„Ja?“
„Die Geschichte war toll.“
„Das freut mich. Jetzt musst Du aber schlafen, morgen ist wieder Schule.“
„Darf ich mir noch Teddy aus dem Müll holen?“
„Das brauchst Du nicht.“

Papa drückte der kleinen Lina ihren Teddy in die Hand und ging zur Kinderzimmertür. Als er dort angekommen war, blieb er stehen und drehte sich nochmals kurz um.
Stolz sah er seine Tochter an und als Antwort auf seinen Satz:
„Ich habe dich sehr lieb meine Kleine.“
Bekam er ein gleichmäßiges und tiefes Atmen.

Lina war eingeschlafen und hielt ihren Teddy, heute noch fester als sonst, in ihren Armen.


(Ben Bertram)

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