Sonntag, 10. Januar 2016

Tick

Tick Du bist …!

Schon vor der Schule, hatte der Tag irgendwie komisch begonnen.
Als Lina ihr Lieblings-Shirt anziehen wollte, lag es in der Wäsche und für den coolen neuen Rock war es heute eindeutig zu kalt.

Als dann noch die Zahnpasta nicht auf der Zahnbürste blieb, sondern sich auf der Strickjacke verteilte, wäre es eigentlich der Moment gewesen, in dem Lina sich wieder ins Bett verziehen müssen.

Doch erstens hätte sie dann Ärger mit ihrer Mama bekommen und zweitens war sie in fünf Minuten, mit Emmi, an der Bushaltestelle vor der Schule verabredet …

Während Lina auf der kleinen Sitzbank im Flur saß und dabei war, sich die Schuhe anzuziehen, riss der Schnürsenkel.
Mit einem lauten Knall flog der Schuh durch die Wohnung und traf genau die Wade ihres Vaters, der gerade mit einem vollen Kaffeebecher aus der Küche kam.

Linas Schuh hatte jetzt nicht nur einen gerissenen Schnürsenkel, sondern war auch noch voller Kaffeeflecken, die sich außerdem auch noch, auf dem Holzfußboden im Flur befanden. Der feuchte Wischlappen, den Linas Mutter, zum beseitigen der Flecken, aus der Küche in ihre Richtung warf, traf Lina, zu allem Überfuß, auch noch mitten im Gesicht.
Doch zum wischen blieb keine Zeit. Lina hatte noch immer, weder Schuhe noch Jacke an und musste in einer Minute, an dieser blöden Bushaltestelle sein.


Papa war am wischen, während Linas Mutter am Küchenfenster stand und der laufenden Lina hinterher sah.

Endlich stand Lina an der Bushaltestelle und freute sich, heute zum ersten Mal darüber, dass Emmi sich mal wieder verspätet hatte. Ja, Lina hatte es, trotz aller blöden Umstände, geschafft, vor ihrer Freundin am vereinbarten Treffpunkt anzukommen.

Zumindest glaubte Lina es die ersten Minuten. Als Emmi auch nach weiteren fünf Minuten nicht erschienen war, machte sich Lina alleine auf den Weg zur Schule.
Zum ersten Mal kam sie zu spät im Klassenzimmer an und fühlte sich ganz schön blöd dabei, sich, während des bereits begonnen Unterrichtes, auf ihren Platz zu setzen.

Emmi saß auf ihrem Stuhl und tat so, als wäre nichts geschehen. Nein, sie tat sogar so, als hätte Lina etwas falsch gemacht. Dabei war es doch Emmi, die Lina an der Bushaltestelle versetzt hatte. Emmi war Schuld, dass Lina zu spät zum Unterricht gekommen war und außerdem war sie sowieso keine richtige Freundin mehr.
Schließlich war es Emmi, die den Jungs aus der Klasse, diese absolut vertrauliche Sache erzählt hatte.

Nur von Emmi konnten Felix und Lenny wissen, dass Lina sich gerne mal ihnen verabreden würde.
Woher Lina es wusste? Sie erkannte es daran, wie die beiden Jungs sie heute angesehen hatten, als sie den Klassenraum betrat. So gucken Jungs nur dann, wenn sie etwas wussten, was sie nicht hätten wissen dürfen.

Warum hatte Emmi es nur gemacht? Niemals konnte Lina den beiden Jungs wieder ins Gesicht sehen. Nie wieder würde sich einer der beiden bei ihr melden. An telefonieren, war schon gar nicht mehr zu denken.
Es war so peinlich für sie, dass die Jungs jetzt wussten, dass sie sich gerne mit ihnen treffen würde.

Wahrscheinlich musste Lina jetzt sogar die Klasse, wenn nicht sogar die Schule, wechseln. Denn eines war ihr klar. Mit diesen beiden Jungs und mit einer blöden Petze, wollte und konnte sie nicht in einer Klasse bleiben.

In der großen Pause wurde der Streit noch heftiger. Tatsächlich war Emmi nicht nur eine Petze, sondern auch noch eine Lügnerin. Sie hatte es den Jungs nicht gesagt. Zumindest behauptete sie es, als Lina allen Mut zusammengenommen hatte, um den Streit mit ihr zu klären.

Das schlimmste an diesem Tag stand Lina jedoch noch bevor. Heute war nach der Schule Hipp Hopp angesagt und selbstverständlich war Emmi ebenfalls dabei. Als ehemals beste Freundinnen, hatten sie sich zusammen angemeldet.
Doch als wäre dies nicht schon schrecklich genug, musste Emmi heute auch noch, mit Lina zusammen, zum Hipp Hopp fahren.
Tatsächlich war heute Linas Papa dran, die Kinder zu fahren. An diesen Tagen kam Emmi direkt nach der Schule mit zu Lina, bevor es dann gemeinsam zum Hipp Hopp ging.

Endlich war die Schule vorbei.
Als Linas Vater die Haustür öffnete, lief seine kleine Maus, mit tränenüberfluteten Augen an ihm vorbei und als sie in ihrem Zimmer angekommen war, knallte sie Tür hinter sich zu.

Kurze Zeit später klingelte es erneut.
Doch noch bevor Linas Vater die Tür öffnen konnte, kam Lina aus ihrem Zimmer heraus.
„Wenn das Emmi ist, lass sie nicht rein. Niemals wieder darf diese blöde Petze unsere Wohnung betreten. Eine Lügnerin ist sie übrigens auch. Ich hasse sie für den Rest meines Lebens.“

Der Versuch vom Vater, Lina zu erklären, dass er Emmi sehr wohl in die Wohnung lassen würde, scheiterte. Lina begriff in ihrer Wut nicht, dass ihr Vater heute auch die Verantwortung für Emmi hatte, da ihre Eltern ja wussten, dass sie nach der Schule mit zu Lina ging.

Linas Kinderzimmertür blieb geschlossen und auch das Klopfen von Emmi blieb ohne Reaktion. Alle Worte von Emmi stießen auf taube Ohren und so gab es heute nur eine Möglichkeit. Emmi musste nach Hause gehen und sich von ihrer Mutter zum Hipp Hopp bringen lassen.

Langsam beruhigte Lina sich wieder und als sie, neben ihrem Vater, auf dem Bett saß, erzählte sie ihm die ganze Geschichte.
„Dann weißt Du also gar nicht genau, ob Emmi den Jungs etwas erzählt hat?“
„Doch.“
„Nein meine Kleine. Du kannst es nur vermuten.“
„Aber die Jungs haben mich so angesehen.“
„Vielleicht aber auch nur, weil Du zu spät zum Unterricht gekommen bist.“
„Aber Emmi die blöde Ziege ist nicht zu unserem Treffpunkt gekommen.“
„Und wenn sie nur schon losgegangen ist, weil Du nicht pünktlich gewesen bist.“

Einen kleinen Augenblick war es still.
„Du Papi, darf ich ausnahmsweise jetzt schon was im Fernsehen gucken?“
„Nein Lina. Du packst jetzt deine Sachen und dann geht es zum Hipp Hopp.“
„Muss ich?“
„Jep.“

Der Wagen von Emmis Mutter stand noch nicht auf dem Parkplatz und so ging Lina als erste in die Umkleidekabine hinein.
Als ihr Vater sich gerade auf den Weg in ein Cafe` machen wollte, kamen sie an. Ganz traurig stieg Emmi aus dem Wagen aus, während ihre Mutter achselzuckend hinter ihr stand.

Als auch Emmi in der Umkleidekabine verschwunden war, sagte Linas Vater,
„Du kannst gerne wieder los. Ich nehme Emmi nachher mit und bring sie nach Hause.“
„Meinst Du, dass der Streit nach dem Hipp Hopp begraben ist?“
„Ich vermute, er ist es jetzt schon.“

Eine Stunde später stand Linas Papa vor dem Ausgang des Sportcenters und wartet. Komischer Weise hatte er ein komisches Gefühl im Bauch. Ob es wohl die Aufregung war? Die Aufregung, da er sehr gespannt darauf war, wie die Mädels sich jetzt verhalten würden.

Doch sein komisches Gefühl war von einen auf den anderen Moment verflogen. Hand in Hand und lachend kamen Emmi und Lina durch die Tür.
Wie die besten Freundinnen der Welt, strahlten sie sich an. Es war, als hätte es niemals einen Streit geben.


Auf der Rückfahrt im Auto verabredeten sich die Mädels für den nächsten Morgen an der Bushaltestelle.
„Ich werde auch pünktlich sein.“, sagte Lina und bekam zur Antwort,
„Und ich warte zur Not ein paar Minuten länger auf dich und werde nicht einfach losgehen.“

Dann klingelte Linas Handy.
„Hallo Lina, hier ist Lenny. Ich wollte dich fragen, ob wir morgen mal zusammen spielen können.“
„Warum hast Du mich heute Morgen in der Schule so komisch angesehen?“, wollte Lina wissen.
„Na, weil Du zu spät gekommen bist. Du bist doch sonst immer ganz früh in der Schule.“
„Sonst hatte es keinen Grund?“
„Nein.“

Beide schwiegen. Weshalb der Junge am anderen Ende der Leitung nichts sagte, wusste Linas Vater nicht. Was er aber wusste war, dass Lina gerade Emmi in den Arm genommen hatte und sich leise entschuldigte.
„Was ist denn nun? Hast Du morgen Zeit?“
„Nein, ich treffe mich mit Emmi.“
„Ich denke ihr habt einen Streit?“
„Wie kommst Du darauf? Emmi und ich sind die besten Freundinnen der Welt“

Als Emmi ausgestiegen war, siegte die Neugier von Linas Papa.
„Sag mal Kleine, wie habt ihr euch eigentlich wieder vertragen?“
„Als Emmi in die Umkleidekabine gekommen ist, habe ich sie angetickt und gerufen,
„TICK DU BIST!“



(Ben Bertram)

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