Dienstag, 12. Januar 2016

So nah

... liegen Vernunft und "Größenwahn" zusammen.

Klar hatte ich Angst, aufs Wasser hinaus zu gehen. Noch größer war jedoch meine Angst, etwas zu verpassen und so griff ich nach meinem Brett und machte mich auf den Weg ins Wasser. Überraschender Weise schaffte ich es recht schnell, die Brandung und das Weißwasser zu überwinden und schon war ich mitten in der Bucht, im tobenden Meer.
Ich kam mir die ersten Minuten wie ein Spielball vor. Ich surfte zwar, doch leider nicht dahin, wohin ich eigentlich wollte. Mein Board wurde von einigen Wellen hoch in die Luft getragen und ich sprang, ohne es zu wollen.
Mehrere Waschgänge hatte ich hinter mir und einige Male hatte ich schon nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch mal Luft atmen zu können.
Doch ich schaffte es immer wieder, auf mein Brett zu steigen und irgendwann hatte ich das Gefühl für diesen Ort gefunden.
Einige Minuten später hatte ich mich sogar an die Brandung gewöhnt und nun war ich es, der das Meer beherrschte.


Ich fühlte mich unbesiegbar. Ich hatte die Wellen bezwungen, konnte sie endlich lesen und wusste, was ich zu tun hatte. Die Wellen um mich herum waren in kürzester Zeit meine Freunde geworden. Sie wollten mir nichts Böses antun und unterstützen mich jetzt auf dem Weg zur grenzenlosen Freiheit.
Wahrscheinlich waren genau diese Gedanken mein Fehler. Ich hatte tatsächlich nichts aus den vielen Gesprächen mit Carlos gelernt. Innerhalb von Minuten hatte ich alles vergessen, was einen Surfer ausmachte. Zumindest einen guten Surfer. Niemals würde ein guter Surfer solche Gedanken zulassen. Leichtsinn und Größenwahn waren genau die Eigenschaften, die das Meer sich von einem Surfer erhoffte. Nur so konnte das Meer den Surfer beherrschen und ihn zu seinem Spielball machen.

„Niemals würde sich das Meer von einem Menschen beherrschen lassen und wenn man glaubt es zu können, ist es der erste Schritt zur Unvernunft.“
Erst vorhin, kurz bevor wir aufs Wasser gingen, hatte Carlos mir diesen Satz gesagt.

Ich hätte jetzt nur an die Worte von Carlos denken müssen. Immer wieder sagte er, dass ein Meer, egal welches, nie zu berechnen sei. Dass die Menschen immer nur ein Spielball des Meeres bleiben würden. Mal mehr, mal weniger. Aber halt immer Spielball!

Carlos saß am Strand und machte eine Pause. Ich hielt es noch nicht für notwendig und war dabei, mir eine neue Welle zu suchen. Meine Arme zitterten bereits vor Anstrengung und auch meine Beine wurden immer schwerer.
Doch immer, wenn ich mich auf den Weg zum Strand machen wollte, erblickte ich eine neue tolle Welle. Jedes Mal dachte ich, „Nur noch diese eine.“!

Dann war es soweit, ich fuhr tatsächlich meine letzte Welle für den heutigen Tag. Leider lag es nicht an meiner Vernunft, sondern vielmehr an meiner Unvernunft.

Mit einem irren Tempo surfte ich parallel zur Welle und genau im richtigen Augenblick setzte ich zum Sprung an.

Dachte ich, doch ich war einen winzigen Augenblick zu spät. Ich hätte abdrehen und die Welle Abreiten müssen. Doch ich dachte, ich würde es schaffen und sprang. Es war mein weitester Sprung. Leider aber nicht mein höchster. Die Welle erfasste mein Brett und schleuderte es, mit mir darauf, durch die Luft.

Innerhalb von Zehntelsekunden wurde ich zum Spielball der Naturgewalten. Ich hätte einfach nur die Gabel loslassen müssen. Mehr wäre nicht notwendig gewesen um ins Wasser zu fallen. Wahrscheinlich hätte ich mehrere Spülgänge abbekommen, bevor mich das Meer ganz von selber ans Land gebracht hätte.
Eventuell hätte ich ordentlich Meerwasser trinken müssen und anschließend mein Brett irgendwo am Strand einsammeln können. Aber dies alles wäre nicht wirklich schlimm gewesen.

Ein kleiner Ausschnitt aus meinem Buch
"Umzug nach Sylt"

Wer mag, darf es auch gerne bei mir bestellen ;-)

Liebe Grüße
Ben



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