Mittwoch, 13. Januar 2016

Schuldisco

Schuldisco


Schon die ganze Woche gab es in den Pausen nur ein Thema.
Am Freitag war Schuldisco.

Aber nicht nur einfach irgendeine Schuldisco. Es war die erste Disco, an der Lina und Emmi teilnehmen durften.
Endlich waren sie alt genug und durften, zusammen mit ihren anderen Klassenkameraden, am Freitagabend in die Schule gehen und feiern.


Es gab einige Lieder, die ihre Eltern nicht mehr hören konnten. Immer wieder lief die gleiche CD in Linas Musikanlage und obwohl die Zimmertür geschlossen war, waren die Lieder nicht zu überhören.
Ganz sicher konnten, neben Lina und ihren Eltern, auch sämtliche Nachbarn, die CD in und auswendig.

Doch an die Musik hatten sich Linas Eltern längst gewöhnt.
Nicht gewöhnen, wollte sich Linas Papa, jedoch an die Frage, ob Lina sich am Freitag auch schminken durfte.

Klar hatte er nichts gegen etwas Nagellack und gegen einen leicht schimmernden Lippenstift, war auch nichts einzuwenden.
Doch musste es mehr sein? War seine kleine Prinzessin nicht noch viel zu klein, um mit Lidschatten und anderen Kosmetikartikeln im Gesicht, durch die Gegend zu laufen?
Würde es nicht noch früh genug kommen?

Ob Linas Vater Angst davor hatte, dass seine kleine Prinzessin langsam dabei war, Flügel zu bekommen, oder ob es irgendetwas anderes war, was ihn davon abhielt, ihr die Erlaubnis zu geben?
Er wusste es nicht.

Jeden Tag, wenn Lina die Frage stellte, ob sie sich am Freitag auch schminken dürfte, bekam sie die gleiche Antwort auf ihre Frage.
„Das müssen wir doch heute noch nicht entscheiden.“, war seine Standardantwort.

Natürlich wusste Linas Papa, dass er irgendwann eine Entscheidung treffen musste. Noch gestern Abend hatte er mit seiner Frau über das Thema gesprochen. Doch zu einer Lösung waren Linas Eltern, auch nach diesem Gespräch, nicht gekommen.

Freudestrahlend kam Lina an diesem Freitag aus der Schule. Natürlich war Emmi bei ihr und da Lina am dichtesten von allen an der Schule wohnte, waren noch zwei weitere Freundinnen dabei.

Endlich war der große Tag gekommen. Jetzt waren sie nicht mehr die kleinen Mädchen, die nicht an einer Schuldisco teilnehmen durften. Ab heute hatten sie einen weiteren großen Schritt gemacht.
Es war einer der größten Tage in ihrem Leben. Von nun gab es andere kleine Mädchen, die sie darum beneideten, zur Schuldisco gehen zu dürfen.

Doch zunächst wurde die Vorratskammer geplündert. Jeweils mit einer vollen Schüssel Kellogs mit Milch, marschierten die Mädels aus der Küche, zurück in Linas Zimmer.
Die Zimmertür wurde geschlossen und die Musik voll aufgedreht.


Alles war gut. Lina und ihre Mädels hatten großen Spaß und auch Linas Papa ging es gut, da er sich darüber freute, dass seine Tochter ihren großen Abend vor sich hatte.

Zumindest war alles gut, bis Lina um halb Sechs aus ihrem Zimmer kam. Sie hatte ihre Fingernägel bereits mit einem fast durchsichtigen Nagellack lackiert und auch ihre Lippen schimmerten in einem ganz zarten Rosa.
Richtig schick sah sie aus und noch ahnte ihr Papa nicht, welche Frage ihm gleich gestellt werden würde.
Er ahnte es nicht, obwohl er es hätte wissen müssen. Doch er hatte die Antwort auf Linas tägliche Frage nicht nur verschoben, sondern irgendwie auch komplett verdrängt.
„Du Papa. Die anderen schminken sich jetzt. Darf ich es nun auch machen? Bitte!“

Auch wenn er eigentlich dagegen war. Wie sollte Linas Papa, in diesem Moment und bei diesem herzzerreißenden Blick, dem Wunsch seiner Tochter widerstehen?
„Ja darfst Du.“, sagte Linas Papa, obwohl er sehr viel lieber gesagt hätte, dass sie doch schon ganz toll aussieht und kein weiteres schminken notwendig sein würde

Sogar die Musik war aus. Nur ab und zu konnte Linas Papa ein leises Kichern hören und er hatte schon die schlimmsten Befürchtungen, wie sein kleines Mädchen gleich zur Schuldisco gehen würde.

Kurz vor halb Sieben öffnete sich die Tür vom Kinderzimmer. Die Schuldisco sollte in zehn Minuten beginnen und die Mädchen mussten sich auf den Weg machen, damit sie nicht zu spät kommen würden.

Linas Papa erschrak, als das erste Mädchen, dessen Namen er gar nicht kannte, oder ihn bereits wieder vergessen hatte, auf dem Flur erschien.
„Wie schrecklich!“, zum Glück dachte Linas Papa diese Worte nur und war sehr froh, sie nicht ausgesprochen zu haben. Immerhin ging es ihn ja nichts an. Außerdem hatte er dieses Mädchen schon häufig so rumlaufen sehen. Fast immer, wenn er Lina von der Schule abgeholt hatte, ging dieses Mädchen so an ihm vorbei.

Als das zweite Mädchen aus dem Kinderzimmer kam, stieg seine Angst noch weiter an. Das Mädchen sah aus, als wäre sie in einen Tuschkasten gefallen und hätte anschließend versucht, die Farben gleichmäßig im Gesicht zu verteilen.
„Oh nein. Was habe ich nur getan?“, dachte Linas Vater.
War es richtig, seiner Tochter das Schminken zu erlauben? Hätte er nicht auf sein Gefühl hören müssen und das Schminken untersagen sollen?
Doch jetzt war es zu spät dafür. Die Mädels waren fertig für ihren großen Abend und Zeit fürs abschminken, wäre sowieso nicht mehr gewesen.

Dann kam Emmi um die Ecke. Sie war schon sehr viel dezenter geschminkt und sah ausgesprochen niedlich aus.
Doch eine fehlte noch.
Lina war noch immer nicht zu sehen und die Neugier in ihrem Vater stieg von Sekunde zu Sekunde an.

„Lina, wo bleibst Du? Wir müssen los.“, Emmi rief nach Lina. Gleich, nachdem Lina mit einem,
„Bin schon fertig.“, geantwortet hatte, kam sie aus ihrem Zimmer heraus.

„Geht schon mal vor. Ich sage Papi nur noch Tschüß.“
Die anderen drei Mädels machten sich auf den Weg, während Lina im Flur vor ihrem Papa stand.
„Magst Du mich geschminkt auch leiden?“
„Ja, Du siehst ganz toll aus.“
„Wirklich? Ich mag diesen Lidschatten gar nicht so gerne bei mir leiden.“
„Doch kleine Maus, Du bist wunderschön!“

Lina nahm ihren Papa in den Arm und verabschiedete sich.
„Ich muss los Papi.“
„Ganz viel Spaß wünsche ich dir.“
„Holst Du mich um halb Neun von der Schule ab?“
„Na logisch. Was denkst denn Du?“

Dann verschwand Lina im Treppenhaus.
Als sie an der Hauseingangstür angekommen war, blieb sie stehen, drehte sich um und sagte,
„Du Papa, findest Du nicht auch, dass die anderen viel zu doll geschminkt sind?“
„Viel zu doll.“, sagte der Papa.
Ob Lina es noch hören konnte, wusste ihr Vater nicht. Sie war inzwischen ihren Freundinnen hinterher gelaufen, damit sie zusammen bei der Schule ankommen konnten.


Eine Stunde später kam Linas Mama von der Arbeit nach Hause.
„Und? Haben sie sich geschminkt?“
„Ob alle geschminkt waren, kann ich dir nicht sagen.“
„Wieso? Hast Du sie nicht gesehen?“
„Doch.“, Linas Papa musste lachen.

Als er fertig mit lachen war, erzählte er weiter.
„Zwei sahen aus wie explodierte Tuschkästen, Emmi war sehr dezent geschminkt und zu Lina, kann ich dir die Frage gar nicht beantworten.“
„Warum nicht?“
„Lina meinte, dass die anderen viel zu doll geschminkt sind und hat mich gefragt, ob ich den Lidschatten bei ihr leiden mag.“
„Und? Mochtest Du ihn bei ihr leiden?“
„Ich habe keinen gesehen.“

Jetzt lachten beide.

Linas Papa dachte dabei, dass es ganz schön albern gewesen ist, sich so viele Gedanken über das Schminken gemacht zu haben.
Er kannte doch seine Tochter und hätte wissen müssen, dass sie nicht zur Tuschkastenfraktion gehören würde.



(Ben Bertram)

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