Sonntag, 27. Dezember 2015

Prinzessin

Lina will Prinzessin werden


Und Lina wusste auch ganz genau warum!

Auch ihre Freundinnen wollen es. Aber das war gar nicht der Grund dafür, warum Lina seit heute, ebenfalls dieses Ziel hatte.
Bisher wollte sie immer Tierpflegerin oder vielleicht auch Ärztin werden. Ärztin aber nur, wenn sie dabei kein Blut sehen musste. Spritzen wollte sie auch nicht geben und seit dem sie neulich geimpft wurde, war sie sich auch sicher, dass sie niemals jemand anderen eine Impfung geben würde.

Doch jetzt hatte sich ihr Plan geändert.
Schuld war Frau Moritz, als sie Lina die Mathearbeit zurückgeben hatte. Fünf von Fünfundzwanzig möglichen Punkten, hatte Lina nur erreicht.
Zunächst fand sie es gar nicht so schlimm. Immerhin konnte es jedem passieren, dass man eine Mathearbeit so richtig versemmelt.

Aber, dass Frau Moritz, eine Unterschrift von Linas Eltern auf der Mathearbeit haben wollte, fand Lina nun wirklich sehr gemein.
Heute hätte Lina die unterschriebene Arbeit wieder abgeben müssen. Leider hatte sie es jedoch versäumt, ihren Eltern, an den letzten drei Tagen, die Arbeit zu zeigen.


Um ehrlich zu sein, hatte sie etwas Angst davor, Ärger von ihren Eltern zu bekommen und so lag die Arbeit, noch immer gut verstaut, im Schulranzen.
„Aber morgen bringst Du die Arbeit mit.“, es war keine Bitte von Frau Moritz. Sie sprach in einem energischen Ton, der Lina etwas Angst machte.

Der Schultag war für Lina, ab diesem Moment, gegessen. Sie hatte nur noch einen Gedanken im Kopf.
„Wie kann ich Papa am Besten von der Arbeit erzählen?“, immer wieder kreisten diese Worte durch ihren Kopf und als die Schule endlich beendet war, hatte sie noch immer keine wirklich tolle Idee.

Als sie mit Emmi an der Bushaltestelle saß, hatten die beiden Freundinnen eine Idee. Wer zuerst darauf gekommen war? Sie wussten es nicht mehr.
Nebeneinander setzten sie sich ins Graß und jede hatte ein Schreibheft auf ihrem Schoß. Immer wieder versuchten sich die beiden Freundinnen daran, die Unterschrift von Linas Papa nachzumachen.
Doch es gelang einfach nicht.

„Das ist eine blöde Idee.“, sagte Lina irgendwann. Dann sah sie Emmi an und sagte,
„Wir bekommen es sowieso nicht hin. Außerdem ist es doch irgendwie das Gleiche wie lügen. Mein Papa und ich haben aber abgemacht, dass wir uns immer die Wahrheit sagen wollen.“
„Genau wie mein Papa und ich.“, Emmis Antwort kam, wie aus der Pistole geschossen.
„Und was mache ich jetzt?“
„Deinem Papa die Mathearbeit zeigen.“
„Okay. Dann mach ich mich mal auf den Weg.“

Dass Lina keine Angst vor ihrem Vater haben brauchte, wusste sie eigentlich. Bisher gab es immer, für alles, eine Lösung.
Doch heute hatte sie nicht nur wegen diesem blöden Test ein schlechtes Gewissen. Nein, das schlechte Gewissen war viel stärker, da sie bereits vor drei Tagen, diesen blöden Mathetest hätte unterschreiben lassen müssen.

Ihr Papa saß an seinem Schreibtisch und war am arbeiten, als Lina das Wohnzimmer betrat.
„Hallo Papa.“
„Hallo Kleine. Wie war es in der Schule?“
„Gut. Was machst Du?“
„Ich bin noch am arbeiten.“
„Das sieht toll aus, was Du da gerade machst.“, Lina sagte diesen Satz, obwohl nichts tolles zu erkennen gewesen war.
„Danke.“
„Du machst sowieso immer alles ganz toll.“
„Findest Du?“
„Ja. Außerdem bist Du der beste Papa der Welt.“

Lina Papa lächelte. Allerdings nicht wegen dem Kompliment, sondern weil er wusste, was jetzt kommen würde.
Er kannte seine kleine Maus sehr gut und war schon ganz gespannt darauf, wann sie mit ihrer Beichte beginnen würde.

Doch Lina druckste weiter herum.
„Gib her Lina.“, Linas Vater wollte seine Tochter erlösen.
„Was soll ich dir geben?“
„Deinen Mathetest, denn Du schon seit ein paar Tagen vor mir versteckst. Ist er so schlecht geworden?“
„Woher weißt Du?“, Lina war erstaunt.
„Väter wissen alles.“, mehr sagte Linas Papa nicht. Er drehte sich wieder zum Computer. Allerdings nicht um zu arbeiten. Lina sollte nur sein Grinsen nicht erkennen.

Mit der Mathearbeit in der Hand und einem ganz schlechten Gewissen, stand Lina einen kurzen Augenblick später wieder am Schreibtisch ihres Vaters.
„Nun gib schon her.“, sagte ihr Vater.
Nur kurz überflog er den Test. Anschließend griff er nach seinem Kugelschreiber und setzte seine Unterschrift darunter.

Als Lina den Mathetest wieder in ihren Händen hielt, blieb sie bei ihrem Vater stehen und sah ihn erwartungsvoll an.
„Muss ich noch etwas unterschreiben?“
„Nein.“
„Auf was wartest Du dann?“
„Bekomme ich keinen Ärger?“
„Höchstens dafür, dass Du mir die Arbeit erst jetzt zeigst.“
„Es tut mir Leid.“
„Alles gut Lina. Aber ab morgen müssen wir dann wohl, zwei Mal in der Woche, Mathe üben.“

Nachdem Lina die Arbeit wieder im Schulranzen verstaut hatte, saß sie in ihrem Zimmer und überlegte.
Nach zehn Minuten stand sie auf und ging zurück zu ihrem Vater ins Wohnzimmer.
„Papa. Wir müssen nicht Mathe üben.“
„Warum nicht?“, Linas Papa sah seine Tochter erstaunt an.
„Weil ich eine Prinzessin werden möchte. Eine Prinzessin braucht nicht zu rechnen. Die hat dafür ihre Angestellte.“
„Okay.“, mehr sagte Linas Vater nicht. Stattdessen drehte er sich zu seinem Schreibtisch und begann wieder damit, zu arbeiten.

Eine viertel Stunde später rief Lina,
„Papa, ich gehe auf die Kükeninsel.“
„Aber nicht auf den Rasen setzen.“, bekam sie als Antwort zu hören.
„Warum nicht?“
„Eine Prinzessin macht so was nicht.“

Das Telefon klingelte und Linas Vater konnte hören, dass Emmi am Apparat war.
„Papa, darf ich mit Emmi und den anderen eine Wasserschlacht machen?“
„Nein Lina. Eine Prinzessin darf keine Wasserschlacht machen. Dabei kann man schmutzige Fingernägel bekommen und mit schmutzigen Nägeln, dürfen nur normale Kinder herumlaufen.“
„Aber die Jungs sind doch auch da.“
„Mit Jungs darf eine Prinzessin sowieso nicht spielen. Sie bekommt später einen Prinzen, den andere für sie aussuchen.“

Lina sah ihren Vater erstaunt an. Sagte dann aber zu Emmi, dass sie heute nicht bei der Wasserschlacht mitmachen wollte.

Fünfzehn Minuten später stand Linas Vater auf und ging ins Kinderzimmer. Lina lag auf dem Bett und hörte sich ein Hörspiel der „Wilden Hühner“ an.
„Hier kleine Maus. Gibst Du Brief morgen bitte Frau Moritz.“
Lina sah auf ihre Hand, in der sie den zusammengefalteten Zettel hielt, den sie eben von ihrem Vater bekommen hatte.


Anstatt den Zettel in ihrem Schulranzen zu verstauen, öffnete sie diesen und las nun schon zum zweiten Mal, was ihr Vater geschrieben hatte.

Liebe Frau Moritz,
leider kann Lina ab der nächsten Woche nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen.
Auch für das große Fußballturnier am Freitag, möchte ich Lina hiermit entschuldigen. Lina weiß jetzt, was sie später werden möchte.
Sie möchte Prinzessin werden. Da jeder weiß, welch schwerer Beruf dies ist, möchten wir ab heute mit der Vorbereitung dazu beginnen.
Einer Prinzessin ist es verboten, mit Jungs zu spielen, da sie später einen Prinzen heiraten muss, denn andere für sie aussuchen. Außerdem darf sich eine Prinzessin keine Schrammen und Kratzer an den Knien holen. Es würde nicht gut aussehen, wenn sie bei Empfängen, mit zerkratzen Beinen zu sehen wäre.
Bitte haben Sie Verständnis.
Liebe Grüße

Nachdem Lina diesen Brief zum dritten Mal gelesen hatte, stand sie wieder bei ihrem Papa.
„Muss ich diesen Brief wirklich abgeben?“
„Wenn Du eine Prinzessin werden möchtest schon.“

Lina überlegte. Aber nur ganz kurz. Dann sagte sie,
„Ich werde doch lieber Tierpfleger oder Ärztin. Können wir morgen mit dem Mathe üben anfangen? Ich flitze jetzt zu Emmi und den Jungs zur Kükeninsel.“
„Ja, morgen ist ein guter Tag dafür.“

Grinsend sah Linas Papa aus dem Fenster und konnte erkennen, mit welcher Freude, seine Tochter zu Kükeninsel flitzte.



(Ben Bertram)

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