Dienstag, 29. September 2015

29.09.2015 Lust einen Himbeergeist?

Leseprobe ...

Heute gibt es ein Kapitel aus dem dritten Werk von Kerry Greine und mir.


Am 01.10.2015 wird es als E-Book erscheinen, und wir hoffen, dass es euch gefallen wird!

Liebe Grüße
Ben

Drei Mal
… hatte ich schon heimlich durch die Hecke geluschert, doch Cathy war nicht zu sehen. Nachdem ich mich in die Parzelle geschlichen hatte, erkannte ich, dass all ihre Sachen noch in der Hütte lagen. So konnte sie nicht abgehauen sein. Die Tasche lag für jeden deutlich sichtbar auf dem Tisch und ich musste darüber lächeln. Es passte zu ihr und ihrer Chaoswelt. Zumindest passte es haargenau in meine Vorstellung, in der ich mir längst ein Bild von Cathy gemacht hatte.
Doch wo war sie? Langsam machte ich mir echt Sorgen. Am liebsten wäre ich sie suchen gegangen, ließ es jedoch bleiben. Ich hatte keinen Schimmer, was ich ihr sagen sollen, wenn ich sie gefunden hätte. Mit einer einfachen Entschuldigung wäre ich wahrscheinlich nicht durchgekommen. Geglaubt hätte sie mir diese auch nicht! So wie ich Cathy kannte, hätte sie mir eine Erklärung niemals abgenommen. Höchstwahrscheinlich hätte sie es sogar als Ausrede empfunden.
Ich war hin- und hergerissen. Wie um alles in der Welt sollte ich mich jetzt verhalten? Die Flasche Himbeergeist hatte ich zusammen mit einem Glas neben mir auf dem Tisch stehen. Dass Alkohol keine Lösung war, wusste ich. Trotzdem empfand ich es heute als wohliges Gefühl, den warmen und brennenden Schnaps durch meine Kehle laufen zu lassen. Ganz sicher hatte ich kein Wetttrinken gegen mich selbst veranstalten wollen, war allerdings erstaunt, wie viel von diesem Zeug ich bereits vernichtet hatte. Es war inzwischen dunkel, als ich aufstand und nach der Flasche griff. Wie von Geisterhand geführt, machte ich mich auf den Weg zu Cathys Parzelle. Meine Gefühlswelt lag brach. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich zum letzten Mal ein solch heilloses Durcheinander in mir fühlte.
Es muss als Kind gewesen sein. Wahrscheinlich hatte ich irgendetwas ausgefressen und wusste nicht, wie ich es meinem Vater beichten sollte. Ganz sicher war es sogar etwas, was mein alter Herr niemals rausbekommen hätte. Doch schon damals machte mich eine Situation mehr kaputt, in der eine Lüge oder andere unausgesprochene Dinge zwischen uns standen. Mir war es lieber, einen Anschiss zu bekommen, als das Gefühl zu haben, dass etwas zwischen mir und meinem Vater stand. So hielten mein Paps und ich es bis heute und wir fuhren gut damit. Mit einigen meiner Freunde hatte ich es ebenso gehalten und auf dieser Art erkannt, welches meine wirklichen Freunde waren. Schnell trennte sich die Spreu vom Weizen. Was mich allerdings nicht störte, da ich lieber wenige richtige Freunde, anstatt viele lapidare Bekanntschaften hatte.
Warum auch immer es so war, mir fiel eine Geschichte aus meiner Kindheit ein. Ungefähr zehn Jahre muss ich alt gewesen sein, als mal wieder einer dieser blöden Elternabende in der Schule stattfand. Eigentlich fanden alle diese Abende blöd. Für die Lehrer war es eine lästige Pflicht, die Eltern waren genervt, da sie sich einen Abend versauen mussten, und wir Kinder hatten Schiss, dass irgendwelche unserer Geheimnisse herauskamen. Während mein Vater in Jeans und Turnschuhen vor mir stand, die er leider im Alter gegen spießige Klamotten eingetauscht hatte, und sich gerade seine lässige Lederjacke über das coole T-Shirt zog, stellte er mir eine Frage.
„Gibt es irgendetwas, was ich noch wissen muss?“
„Äh … wieso …?“
„Es ist doch so, dass ich Dinge, die du besser nicht gemacht hättest, lieber von dir anstatt von deiner Lehrerin erfahre.“
„Nein, Papa. Wenn was gewesen wäre, hätte ich’s dir schon längst gesagt.“
„Na dann ist ja alles gut. Dann kann Frau Schön mich ja mit nichts überraschen. Falls dir noch was einfallen sollte, sag es lieber jetzt. Wenn ich es nicht weiß, kann ich dich vor Frau Schön ja auch nicht in Schutz nehmen.“ Warum mein Vater sich immer so gut das Lachen verkneifen konnte, wusste ich nicht. Ebenso wenig wie ich wusste, dass ich gerade auf einen der ältesten Elterntricks überhaupt hereingefallen war.
„Also … Vielleicht … Na, da auf dem Mädchenklo …“
„Auf dem Mädchenklo? Dürft ihr Jungs auf die Mädchenklos? Na, da muss ich mit der Lehrerin ja mal darüber sprechen. Ich finde es nicht gut, wenn junge Herren auf die Toiletten der Mädels und vielleicht sogar die Mädchen auf die Klos der Jungs gehen. Danke für das Thema. Endlich kann ich mich am Elternabend auch mal beteiligen.“
„Nein, Papa. Wir dürfen nicht auf die Mädchenklos. Aber Stefan, Michi und ich waren trotzdem dort. Wir haben die Seifenspender leer gemacht. Einfach alles in den Ausguss gespült, damit die Mädchen sich nicht mehr die Hände waschen konnten.“
„Und was habt ihr da sonst noch angestellt?“ Mit einer deutlich angehobenen Stimme stellte mein Vater mir diese Frage. Dass er sich einen Witz mit mir machte, hatte ich noch immer nicht geschnallt und gab artig meine Antwort ab.
„Gar nichts. Wir sind dann schnell wieder raus und ich glaube, uns hat auch niemand dabei gesehen.“
„Dann ist ja gut. Also falls Frau Schön was sagt, werde ich dich in Schutz nehmen.“
Als ich aus dem Küchenfenster sah und meinen Eltern hinterher winkte, erkannte ich, dass beide lachten. Damals dachte ich, dass mein Vater meiner Mutter einen Witz erzählt hatte. Heute weiß ich, dass sie sich über ihren zehnjährigen Knirps amüsierten.
Genauso ehrlich wie ich es immer zu meinen Eltern und Freunden war, wollte ich es auch zu Cathy sein. Ich durfte meine Gefühlswelt nicht für mich behalten und musste sie daran teilhaben lassen. Wenn ich jetzt, wann dann?
Vor der großen Hecke blieb ich stehen, drückte ein paar Zweige zur Seite und bemerkte, wie im selben Moment mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich erkannte Licht in der Hütte. Sie musste zurück sein und sich in ihren vier Wänden aufhalten. Ein Gemisch aus Freude und Angst machte sich in mir breit. Ja, ich freute mich, dass sie allem Anschein nach wohlbehalten zurückgekehrt war. Dass ich mir keine Sorgen mehr zu machen brauchte und ich ihr endlich sagen konnte, dass ich mich vorhin wie ein Vollidiot verhalten hatte.
Leider war die Angst heute der große Bruder meiner Freude. Ein viel zu starker Bruder, der eindeutig die größere Macht über mich hatte. Am liebsten wäre ich einfach in den Garten gegangen, hätte die Tür zur Hütte geöffnet und mich entschuldigt. Ich war es Cathy und mir schuldig, eine Erklärung für mein Verhalten abzugeben. Dieser beschissene Satz musste eliminiert werden. Vermutlich würde er sonst alles, was wir bisher aufgebaut hatten, zunichtemachen. Unsere Freundschaft durfte nicht nach einen unüberlegten Spruch enden. Vor allem, da es einer war, den ich gar nicht sagen wollte. Der einfach nur meine Lippen verließ und ich keine Ahnung hatte, aus welcher Ecke des Gehirns er sich befreite. Er passte gar nicht zu meiner Freude. Zu dieser Freude, über die ich mich selber wunderte, da eine solche Nachricht doch normalerweise für Verwirrung und Entsetzen sorgte. Genau dies könnte aber auch der Grund gewesen sein, weshalb sich mein Satz verselbstständigt hatte.

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