Donnerstag, 14. Dezember 2017

14.12.2017

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern


Es war fürchterlich kalt; es schneite und begann dunkler Abend zu werden, es war der letzte Abend im Jahre, Neujahrsabend! In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging ein kleines, armes Mädchen mit blossem Kopfe und nackten Füssen auf der Strasse. Sie hatte freilich Pantoffeln gehabt, als sie vom Hause wegging, aber was half das! Es waren sehr grosse Pantoffeln, ihre Mutter hatte sie zuletzt getragen, so gross waren sie, diese verlor die Kleine, als sie sich beeilte, über die Strasse zu gelangen, indem zwei Wagen gewaltig schnell daher jagten. Der eine Pantoffel war nicht wieder zu finden und mit dem andern lief ein Knabe davon, der sagte, er könne ihn als Wiege benutzen, wenn er selbst einmal Kinder bekomme.

Da ging nun das arme Mädchen auf den blossen, kleinen Füssen, die ganz rot und blau vor Kälte waren. In einer alten Schürze hielt sie eine Menge Schwefelhölzer und ein Bund trug sie in der Hand. Niemand hatte ihr während des ganzen Tages etwas abgekauft, niemand hatte ihr auch nur einen Dreier geschenkt; hungrig und halberfroren schlich sie einher und sah sehr gedrückt aus, die arme Kleine! Die Schneeflocken fielen in ihr langes, gelbes Haar, welches sich schön über den Hals lockte, aber an Pracht dachte sie freilich nicht.

In einem Winkel zwischen zwei Häusern - das eine sprang etwas weiter in die Strasse vor, als das andere - da setzte sie sich und kauerte sich zusammen. Die kleinen Füsse hatte sie fest angezogen, aber es fror sie noch mehr, und sie wagte nicht nach Hause zu gehen, denn sie hatte ja keine Schwefelhölzer verkauft, nicht einen einzigen Dreier erhalten. Ihr Vater würde sie schlagen, und kalt war es daheim auch, sie hatten nur das Dach gerade über sich und da pfiff der Wind herein, obgleich Stroh und Lappen zwischen den grössten Spalten gestopft waren. Ihre kleinen Hände waren vor Kälte fast ganz erstarrt.

Ach! ein Schwefelhölchen könnte gewiss recht gut tun; wenn sie nur wagen dürfte, eins aus dem Bunde herauszuziehen, es gegen die Wand zu streichen, und die Finger daran zu wärmen. Sie zog eins heraus,

"Ritsch!"

Wie sprühte es, wie brannte es! Es gab eine warme, helle Flamme, wie ein kleines Licht, als sie die Hand darum hielt, es war ein wunderbares Licht! Es kam dem kleinen Mädchen vor, als sitze sie vor einem grossen eisernen Ofen mit Messingfüssen und einem messingenem Aufsatz; das Feuer brannte ganz herrlich darin und wärmte schön! - Die Kleine streckte schon die Füsse aus, um auch diese zu wärmen -- da erlosch die Flamme, der Ofen verschwand - sie sass mit einem kleinen Stumpf des ausgebrannten Schwefelholzes in der Hand.

Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und wo der Schein desselben auf die Mauer fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Flor. Sie sah gerade in das Zimmer hinein, wo der Tisch mit einem glänzend weissen Tischtuch und mit feinem Porzellan gedeckt stand, und herrlich dampfte eine mit Pflaumen und Äpfeln gefüllte, gebratene Gans darauf! Und was noch prächtiger war, die Gans sprang von der Schüssel herab, watschelte auf dem Fussboden hin mit Gabel und Messer im Rücken, gerade auf das arme Mädchen kam sie zu. Da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke, kalte Mauer war zu sehen.

Sie zündete ein neues an. Da sass sie unter dem schönsten Weihnachtsbaume. Der war noch grösser und aufgeputzer als der, welchen sie zu Weihnachten durch die Glastüre bei dem reichen Kaufmanne erblickt hatte. Viel tausend Lichter brannten auf den grünen Zweigen und bunte Bilder, wie die, welche die Ladenfenster schmückten, schauten zu ihr herab. Die Kleine streckte die beiden Hände in die Höh' - da erlosch das Schwefelholz; Die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und immer höher, nun sah sie, dass es die klaren Sterne am Himmel waren, einer davon fiel herab und machte einen langen Feuerstreifen am Himmel.

"Nun stirbt jemand!" sagte die Kleine, denn ihre alte Grossmutter, welche die einzige war, die sie lieb gehabt hatte, die jetzt aber tot war, hatte gesagt: "Wenn ein Stern fällt, so steigt eine Seele zu Gott empor."

Sie strich wieder ein Schwefelholz gegen die Mauer, es leuchtete ringsumher, und im Glanze desselben stand die alte Grossmutter, glänzend, mild und lieblich da.

"Grossmutter!" rief die Kleine. "O, nimm mich mit! Ich weiss, dass du auch gehst, wenn das Schwefelholz ausgeht; gleichwie der warme Ofen, der schöne Gänsebraten und der grosse, herrliche Weihnachtsbaum!"
Sie strich eiligst den ganzen Rest der Schwefelhölzer, welche noch im Bunde waren, sie wollte die Grossmutter recht festhalten; und die Schwefelhölzer leuchteten mit solchem Glanz, dass es heller war, als am lichten Tage. Die Grossmutter war nie so schön, so gross gewesen; sie hob das kleine Mädchen auf ihren Arm, und in Glanz und Freude flogen sie in die Höhe, und da fühlte sie keine Kälte, keinen Hunger, keine Furcht - sie waren bei Gott!

Aber im Winkel am Hause sass in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit lächelndem Munde - tot, erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Der Neujahrsmorgen ging über die kleine Leiche auf, welche mit Schwefelhölzern da sass, wovon ein Bund fast verbrannt war. Sie hat sich wärmen wollen, sagte man. Niemand wusste, was sie Schönes erblickt hatte, in welchem Glanze sie mit der alten Grossmutter zur Neujahrsfreude eingegangen war!

(Hans Christian Andersen 1805-1875, dänischer Schriftsteller, Dichter)



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Mittwoch, 13. Dezember 2017

13.12.2017

Das Wunder von Sylt

-Teilstück aus Kapitel 8-

Nikolaustag

Kaputt vom Toben hatten wir den Rückweg angetreten und standen bereits vor unserer Wohnungstür, als Ben mich fragend ansah.
Ich habe den Schlüssel nicht. Wie auch? Immerhin besitze ich keine Taschen. Irritiert sah ich mein Herrchen an, der er keine Anstalten machte, den Schlüssel aus der Tasche zu nehmen, um die Tür zu öffnen. Hatte er ihn etwa verloren?
Ob der Nikolaus dir wohl was in die Stiefel gesteckt hat? Oder gab es eine Rute für dich? Was glaubst du, mein kleiner Jake?“
Hä? Wer zum Henker ist Nikolaus? Was wollte Ben von mir? Sollte es mal wieder einer seiner blöden Witze sein?
Sag schon. Was glaubst du? Wenn du die linke Pfote hebst, tippst du auf Stiefel und bei der rechten vermutest du eine Rute.“ Erwartungsvoll wurde ich angesehen.
Ich tippe hier gar nix. Zumindest nicht, bis ich weiß, was es mit diesem Typen auf sich hat, der allem Anschein nach in unserer Wohnung gewesen ist. Woher weißt du das eigentlich? Oder hat dieser Nikodingsbums etwa den Haustürschlüssel? Das wäre jetzt echt ein Eigentor, da wir hier im Treppenhaus bleiben müssten.
Leider juckte es in diesem Augenblick an meinem Auge. Schnell hob ich meine linke Pfote und wischte mir über das Gesicht.
Ein Stiefel. Du glaubst also, dass du so artig gewesen bist, dass dir der Nikolaus etwas in den Stiefel gesteckt hat. Dann wollen wir doch mal nachsehen. Ich bin gespannt und du sicherlich auch.“ Erst jetzt griff mein Herrchen nach dem Schlüssel und öffnete die Wohnungstür.
Was für ein Stiefel? Wie kommst du darauf, dass ich an den Stiefel glaube? Verwundert sah ich meinen Lieblingsmenschen an. Allerdings war ich froh darüber, dass der Typ nicht unseren Schlüssel hatte und wir endlich in die Wohnung konnten.
Ich wusste übrigens, dass du die linke Pfote heben wirst.“
Du wusstest was? Erst jetzt kapierte ich, wie Ben auf den Stiefel gekommen war. Schnell versuchte ich, es ihm zu erklären.
Ich habe mich doch lediglich gekratzt. Es hat mich einfach gejuckt! Das hatte nichts mit diesem rechte Pfote, linke Pfote zu tun. Rein gar nichts!
Wie verwundert du guckst. Total süß. Du bist garantiert super neugierig. Nein, nicht nur neugierig, sondern auch gespannt.“ Ben betrat die Wohnung, während ich noch immer auf der Fußmatte stand. Allerdings kopfschüttelnd, da mein Herrchen mal wieder total auf dem falschen Dampfer war.
Was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen neugierig und gespannt? Auch, wenn mir klar war, dass ich jetzt keine Antwort bekam, stellte ich diese rhetorische Frage an mich selbst.
Ben war längst im Wohnzimmer verschwunden und konnte daher nicht antworten.

Schau mal, Jake. Du hattest recht. Der Nikolaus hat dir tatsächlich einen Stiefel gebracht. Was da wohl drin ist?“ Noch immer sah ich Ben lediglich von hinten. Allerdings wusste ich, dass es sich gleich ändern würde. So, wie ich mein Herrchen kannte, würde er sich jetzt umdrehen und hinhocken.
Komm schnell her und schau es dir an. Das kann doch wohl nicht wahr sein.“ Mit ausgebreiteten Armen hockte mein Herrchen im Wohnzimmer und sah mich an.
Du bist so herrlich berechenbar. Ich grinste, machte mich allerdings auf den Weg, da nun doch eine gewisse Neugier in mir aufstieg.
An Bens ausgebreiteten Armen lief ich einfach vorbei. Kuscheln konnten wir auch gleich noch. Zunächst aber wollte ich herausfinden, was sich hinter dem Rücken meines Herrchens befand.
Hey, du Räuber. Ignorierst du mich einfach? Frechheit.“
Klar hatte ich die Worte meines Herrchens gehört. Nein, nicht nur gehört, sondern auch verstanden. Trotzdem zeigte ich keine Reaktion, da ich vor der Balkontür etwas entdeckt hatte. Langsam und Schritt für Schritt näherte ich mich dem mir unbekannten Teil.
Hast du Angst vor dem Stiefel?“
Quatsch. Warum sollte ich? Immerhin waren mir Stiefel nicht unbekannt. Auch, wenn ich bisher noch nie einen roten Stiefel gesehen hatte. Zumindest keinen in einer solch knalligen Farbe und auch keinen, der oben am Schaft mit Schnee verziert war.
Viel mehr als der Stiefel interessierte mich allerdings etwas anderes. Wo war dieser Nikolaus hin? Hatte er sich hier in unseren vier Wänden versteckt? Und überhaupt, wie war der Kerl in unsere Wohnung gekommen? Meine Idee mit dem Schlüssel hatte sich ja zerschlagen.
Die Balkontür hatte ich bereits untersucht. Allerdings war sie verschlossen, und Einbruchsspuren konnte ich auch nicht erkennen. Fragend wollte ich mich gerade auf den Weg zurück zur Wohnungstür machen und diese untersuchen, als Ben mich rief.
Komm zu mir, mein Kleiner. Wenn du Schiss vor dem Nikolausstiefel hast, gehen wir zusammen hin und sehen ihn uns an.“
Schiss? Vor einem Stiefel? Warum sollte ich? Ich habe gerade einfach etwas Wichtigeres zu tun. Irgendwie muss dieser Nikolaus doch hier rein gekommen sein. Sag mal, warum interessiert es dich eigentlich nicht, wie er es geschafft hat? Weshalb hast du kein Interesse an der Sicherheitslücke unserer Wohnung? Ich konnte Bens Desinteresse nicht nachvollziehen. Anstatt seinem Wunsch zu folgen, führte mich mein Weg weiter zur Tür.
Doch auch an unserer Wohnungstür konnte ich keine Einbruchsspuren feststellen. Es roch auch nicht nach einer fremden Person. Irgendetwas stimmte hier nicht. Wie zum Donnerwetter war der Typ hier reingekommen, und warum konnte ich nichts von ihm erschnüffeln? Langsam trotte ich zurück zu meinem Herrchen und sah ihn mit neugierigen Hundeaugen an.
Wunderst du dich etwa, warum der Nikolaus einen Stiefel dagelassen hat. Das musst du nicht. Heute ist doch …“ Die folgenden Worte bekam ich nicht mehr mit.
Wunderst du dich etwa, warum der Nikolaus einen Stiefel dagelassen hat? Bens Frage kreiste erneut durch meinen Kopf und sorgte dafür, dass ich endlich eine Lösung für mein Problem hatte.
Wenn dieser Niko seinen Stiefel hier stehen gelassen hat, kann ich doch seine Spur aufnehmen. So kann ich erkennen, von wo aus er bei uns eingedrungen ist. Wenn wir wollen, können wir sogar seine Verfolgung aufnehmen. Stolz über meine Idee, die fast schon eine Art Vorschlag geworden war, sah ich zu meinem Herrchen. Allerdings nur kurz, da ich mich direkt im Anschluss auf den Weg zum Stiefel machte. Direkt am Schuh musste es eine Duftnote von dem Kerl geben. Wahrscheinlich hatte ich sie eben einfach nur übersehen.

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Dienstag, 12. Dezember 2017

12.12.2017

Das Wunder von Sylt

-Teilstück aus Kapitel 7-

Flocken fangen

Nachdem Ben die Haustür geöffnet hatte, wehten uns diese weißen Schneedinger direkt ins Gesicht. Nass waren sie, und ich war verwundert darüber, da ich sie mir warm und weich vorgestellt hatte. Ja, so sahen sie aus, als ich sie eben vom Fenster aus betrachtet hatte.
Erschrocken ging ich ein paar Schritte rückwärts. Zurück ins Treppenhaus, wo es trocken und ich sicher war.
Komm schon, du Nase. Lass uns im Schnee toben. Es schneit wie irre, das müssen wir ausnutzen!“
Langsam kam ich aus dem Treppenhaus heraus und sah mir den Schnee etwas genauer an. Irgendetwas musste an dem kalten und nassen Kram ja besonders sein. Immerhin war mein Herrchen vor Freude total aus dem Häuschen. Also im doppelten Sinne aus dem Häuschen, da er mit ausgebreiteten Armen auf dem Fußweg stand und dabei in den Himmel sah.
Ob ich wohl auch … Schon während meiner Gedanken ging mein Blick nach oben.
Siehst du. Was du kannst, kann ich schon lange. Nebeneinanderstehend blickten wir in den Himmel. Unendlich viele Wattebäuschchen ähnliche Schneedinger fielen auf uns herab, und ich musste mir eingestehen, dass es tatsächlich lustig war. Die Nässe und Kälte von den Teilen hatte ich längst vergessen.
Zumindest so lange, bis mir ein riesiges Schneeteil direkt auf die Nase fiel und ich niesen musste. Als mir die Schneedingsbumsteilchen dann auch noch auf die Augen klatschten und ich nichts mehr sehen konnte, war meine Freude am Schnee verschwunden. Wasser in den Augen war sowieso doof. Aber wenn es zunächst dank der Schneedingsteile dunkel wird und einem anschließend das Wasser in die Augen läuft, hat es echt nichts mehr mit Spaß zu tun. Schnell lief ich zur leider inzwischen verschlossenen Hauseingangstür und stellte mich unter das Vordach.
Nun komm schon, Jake. Sei keine Spaßbremse.“
Nö. Ich bleib hier. Wäre es mir möglich gewesen, hätte ich zur Bekräftigung der Worte meine Vorderbeine vor der Brust verschränkt.
Seit wann bist du eigentlich ein solches Weichei? Dann wartest du halt hier auf mich, und ich gehe alleine an den Strand.“
Vom Strand ist doch sowieso nix zu sehen. Das blöde Schneezeugs liegt doch auf dem Sand. Ich begriff nicht, was mein Herrchen am Strand wollte und war mir sicher, dass ich hier unter dem Vordach auf Ben warten würde.
Ich mache mich dann mal auf den Weg. Übrigens, kleiner Mann, ich hatte recht damit, dass es nach Schnee gerochen hat.“ Ben lachte.
Na ja, gerochen hat zwar nix. Aber zugegebenermaßen schneit es. Also hattest du wohl irgendwie recht.

Ich sah Ben dabei zu, wie er zunächst die Straße überquerte und jetzt dabei war, sich noch weiter von mir zu entfernen. Ihn zu finden würde mir nicht schwerfallen, da ich seine Fußabdrücke deutlich im Schnee erkennen konnte. Allerdings wollte ich ihn auch gar nicht finden.
Warum sollte ich es tun? Dann müsste ich ja meinen einigermaßen trockenen Platz aufgeben. Dachte ich und sah im selben Moment, wie mein Herrchen hinter einer Ecke verschwand.
Hey, du gehst ja wirklich. Lass mich hier nicht alleine hocken. Es ist nass und kalt. Außerdem fallen immer größere Schneedinger vom Himmel. Ben, nimm mich mit. Ich war inzwischen bis zum Bordstein gelaufen. Weiter durfte ich nicht gehen, da ich die Straße auf keinen Fall alleine überqueren durfte.
Aber jetzt ist ein Notfall! Mist, was soll ich nur machen? Brav, trotzdem unruhig, saß ich mit meinem kleinen Hintern im Schnee und sah dorthin, wo mein Herrchen eben verschwunden war.
Okay. Komm, Jake.“ Aus dem Nichts hörte ich diese drei Worte. Auch, wenn ich zunächst erschrak, stieg sofort eine riesige Freude in mir auf. Sehen konnte ich mein Herrchen zwar nicht, allerdings gab es keinerlei Zweifel daran, dass es seine Stimme war, die meinen Namen gerufen hatte. Die diesen typischen Befehl ausgerufen hatte, mit dem Ben mir immer erlaubte, loszulaufen.
Als ich die andere Straßenseite erreicht hatte und gerade mit der Verfolgung von Ben starten wollte, stand er plötzlich vor mir. Der blöde Kerl hatte sich hinter einer Ecke versteckt und mich ganz bestimmt die ganze Zeit beobachtet. Klar hatte er! Die Straße hatte Ben schließlich auch im Blick gehabt, da er ansonsten niemals den Befehl zum Überqueren gegeben hätte.

Mein Herrchen hatte mich mal wieder reingelegt. Allerdings war es mir wurscht, da ich mich einfach darüber freute, wieder bei ihm zu sein und zusammen mit ihm durch das nasse und kalte Zeug zu laufen.

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Montag, 11. Dezember 2017

11.12.2017

Das Wunder von Sylt

-Teilstück aus Kapitel 6-

Schnee


Heute Morgen wurde ich von meinem eigenen Jaulen geweckt. Zumindest jaulte ich im Traum und wusste auch ganz genau, warum.
Mir war meine Schwester begegnet, und das Schreckliche daran war, dass sie nichts mehr von mir wissen wollte.
Hier auf Sylt war es. Unten am Strand, direkt vor den großen Tetrapoden. Silly lief mit ihren Menschen an der Wasserkante entlang und würdigte mich keines Blickes. Zunächst hatte ich noch geglaubt, dass meine Schwester mich einfach nicht gesehen hatte und so lief ich zu ihr. Doch was dann geschah, war nicht einfach nur gemein. Nein, es war grausam!
Silly. Hey, Silly, ich habe dich so sehr vermisst! Ich war zu meiner Schwester gelaufen und stand schwanzwedelnd vor ihr, während ich diese Worte sprach. Mein Herz schlug vor Glück in einer hohen Frequenz und mir kullerten Freudentränen über die kleine Hundeschnauze.
Ich hatte meine Silly zurück. Meine Schwester, die ich über alles liebte, und die mir sehr fehlte, obwohl ich mit Ben das große Los gezogen hatte.
Igittigitt. Ein Straßenhund. Komm weg da, Cassandra, mit solchen verlausten Tieren spielst du nicht.“ Das Frauchen meiner Schwester richtete die rosa Schleife auf Sillys Kopf und hob meine Schwester anschließend auf ihren Arm.
Cassandra? Du heißt doch Silly. Erkennst du mich nicht? Flehend sah ich zu meiner Schwester, die mich jedoch noch immer ignorierte.
Ich bin es doch. Erkennst du mich wirklich nicht? Ich bin dein Bruder. Jake ist mein Name. Nein, Archie! Ich war vollkommen durcheinander und versuchte alles, um meiner Schwester zu erklären, wer ich war.
Verpiss dich. Ruiniere mir nicht mein Leben. Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Zischend presste meine Schwester ihre Sätze über die Lippen. Nur kurz glaubte ich, dass ich mich verhört hatte. Doch ihr Gesichtsausdruck bestätigte das, was ich verstanden hatte.
Erschrocken und enttäuscht lief ich davon. Quer über den Strand führte mich mein Weg. Erst, als ich oben an den Tetrapoden angekommen war, hörte ich auf zu laufen und verkroch mich in einer der Höhlen, die mir damals schon Schutz geboten hatten. Kurz nach meiner Ankunft auf Sylt war es gewesen, als ich vor Angst aus der Stadt fortgelaufen war und ich hier einen sicheren Rückzugsort gefunden hatte.
Weit unter den Tetrapoden ließ ich meine Enttäuschung über Silly raus. Ich weinte hemmungslos und begleitete meine Tränen mit einem lauten Jaulen.
Ich tat es so lange, bis ich von meinem eigenen Gejaule wach wurde.

Erstaunt sah ich zu meinem Herrchen. Ben lag seelenruhig in seinem Bett und schlief den Schlaf der Gerechten. War er so müde, dass er mich nicht gehört hatte? Oder gab es mein lautes Jaulen lediglich in meinem Traum? Ich wusste es nicht, und es war mir auch egal.
Die Hauptsache war, dass ich nicht mehr schlief und somit nicht mehr diesen Mist träumen musste.
Erschöpft von meinem fiesen Albtraum lag ich auf meinem Kissen und sah durch den Spalt der Vorhänge. Fette Wolken hingen am Himmel, und auf den ersten Blick sah es so aus, als würde es regnen.
Was für ein mieses Wetter. Na ja, was wundere ich mich darüber? Es passte perfekt zu meinem Traum. Auch, wenn ich wusste, dass meine Schwester niemals so reagieren würde, nahm mich mein Albtraum noch immer mit.
Auch heute hatte ich keine Erklärung dafür, weshalb mir Silly seit einigen Tagen so sehr fehlte.
Das ist doch kein Regen! Bereits während meines Gedankens war ich aufgesprungen und zum Fenster gelaufen. Leider konnte ich hier am Balkonfenster nicht so viel sehen, wie ich es mir gewünscht hatte. Enttäuscht versuchte ich, die Vorhänge etwas weiter zu öffnen, was mir jedoch nicht wirklich gut lang. Dann schoss mir eine Idee durch den Kopf.
Die Balkontür. Von dort müsste ich alles sehr viel besser erkennen. Schnell machte ich mich auf den Weg ins Wohnzimmer und hielt irritiert vor der Tür inne.
Was war das denn? Ich sah undefinierbare Fitzelchen an unserem Balkon vorbei fliegen.
Watte. Es konnten nur Wattebäuschchen sein. Solche Dinger hatten wir neulich beim Einkaufen gesehen, und ich war verwundert darüber, wofür die Teile gut sein sollten. Vielleicht hatte der Typ über uns welche gekauft und schmiss sie jetzt vom Balkon. Doch warum sollte er es tun? Außerdem waren es viel zu viele.
Oder waren es kleine Federn? Ja, so sahen die Teilchen fast aus. Weiße Federn, und zwar solche, die sich auch in Bens Kopfkissen befanden.

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Sonntag, 10. Dezember 2017

10.12.2017

Das Wunder von Sylt

-Teilstück aus Kapitel 5-

Morgen kommt Besuch

In den letzten Tagen war es ständig kälter geworden und ich musste zugeben, dass ich mir noch nicht wirklich sicher war, ob es mir gefiel. Okay, es gab schon einige positive Dinge.
Die Insel war leer, der Strand gehörte fast ausschließlich Milo und mir, und auch das Einkuscheln in meine gemütliche Decke empfand ich als ziemlich cool.
Dafür fand ich es nicht wirklich prickelnd, ständig kalte Pfoten zu haben. Nach dem Toben einfach in den Sand zu plumpsen, war auch nicht mehr angesagt, und mit den Füßen durch das flache Wasser zu waten, war komplett tabu für mich.
Da gehst du nicht mehr rein, sonst holst du dir 'ne fette Bronchitis.“ Bens Satz klang noch immer in meinen Ohren. Was diese Bronchitis war?! Was weiß denn ich! Allerdings war es mir auch Wurst, da ich sowieso niemals in diese arschkalte Nordsee gegangen wäre. Bereits seit über einem Monat hatte ich darauf verzichtet. Deshalb war ich ja auch so verwundert, als mein Herrchen es mir untersagt hatte.

Heute waren Ben und ich alleine unterwegs. Auch, wenn wir uns viel um Milo kümmerten, und er nicht nur für mich ein Freund geworden war, konnte er nicht ständig bei uns sein. Unsere Wohnung war einfach zu klein, und außerdem genoss ich die Tage, an denen ich alleine mit meinem Lieblingsmenschen on Tour war, ebenfalls sehr.
Wir hatten zusammen so viel Freude und Spaß, dass wir häufig gemeinsam lachten. Unser Humor war ähnlich, und mit jedem gemeinsamen Erlebnis wuchsen wir noch stärker zusammen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass es kein Du und Ich, sondern ausschließlich ein Wir gab.
Hast du deinen Ball dabei?“ Fünf Worte waren es, die mich aus meinen schönen Gedanken rissen.
Nein.
Hat der kleine Jake etwa seinen Balliball vergessen?“ Ben sah mich mit diesem dusseligen Gesichtsausdruck an, den ich so sehr an ihm hasste. Tatsächlich hatte ich - mal wieder - auf seine Lieblingsfrage geantwortet. Auf diese alberne Frage, die mein Herrchen so häufig stellte, wenn wir am Strand ankamen. Diese Frage, die mehr ein Spiel für Ben war. Allerdings ein Spiel, das ausschließlich er witzig fand. Um es zu ignorieren, war es jetzt zu spät. Leider hatte ich Trottel auch heute, geschuldet der Tatsache, dass ich in Gedanken versunken war, eine Antwort auf seine Frage gegeben.
Trotzdem hätte mir dieser Fehler nicht passieren dürfen. An Bens Grinsen erkannte ich, dass er bereits in seiner Witzig-Phase gelandet war.
Ach, Jakilein. Wenn du Balliball spielen möchtest, dann musst du das runde Kügelchen doch mitnehmen.“
Kugeln sind immer rund, du Wurst. Können wir das nervige Spiel nicht abkürzen? Wenn ich jetzt kurz einen auf traurig mache, kannst du mir doch anschließend den Ball geben. Ich gucke dann erstaunt und wedele wie wild mit dem Schwanz, wenn du ihn aus der hinteren Hosentasche ziehst. Deal?! Fast flehend sah ich zu meinem Herrchen.
Du kleiner Rabauke kannst so süß gucken …“
Echt? Wir machen den Deal? Krass cool. Danke, Ben. Freudig begann ich mit meinem Schwanz zu wedeln. Immerhin war es so besprochen. Okay, noch hatte mein Herrchen den Ball nicht aus der Tasche gezogen. Aber ich war mir sicher, dass er es jeden Augenblick nachholen würde.
Aber das hilft dir nicht. Dadurch kommt dein Balliball auch nicht aus unserem Flur hierher an den Strand geflogen.“
Ach nö! Okay. Ich gebe auf. Dann lass uns den Mist aber schnell beenden. Ich setzte mich hin, hielt meinen Kopf schief und sah mein Herrchen traurig an. Natürlich war ich nicht traurig. Aber ich wollte das fragende Gucken überspringen und Bens Lieblingsspiel so zumindest etwas abkürzen.
Siehst du, kleiner Jake. Jetzt bist du traurig. Bemühe dich einfach, dass du an deinen Ball denkst. Nimm ihn mit an den Strand. Dann können wir auch spielen.“ Ein kräftiges Nicken unterstrich Bens Worte. Natürlich ein gespieltes Nicken. Ein solches, das ebenso künstlich war wie seine ernsten Gesichtszüge. Allerdings hatte mein Plan funktioniert. Wir hatten den fragenden Teil tatsächlich übersprungen.
Wie schade. Da bin ich aber wirklich traurig. Ich hätte doch sooo gerne mit dir gespielt. Ich bin echt ein Doofi. Ich ließ meine Schlappohren hängen und setzte meinen treudoofen Dackelblick auf.
Aber du hast ja mich. Tada … Schau mal, Kleiner. Ich habe doch tatsächlich an deinen Balliball gedacht.“ Stolz sah Ben mich an, während er den Ball aus der Hosentasche zog und ihn mir anschließend präsentierte.
Nein … Ehrlich? Damit hätte ich niemals gerechnet. Du bist mein Held. Ich atmete tief durch und versuchte glücklich und überrascht aus der Wäsche zu schauen.
Es ist so niedlich, wie du dich freust. Komm, Jake, wir gehen an den Strand, und ich werfe den Ball.“ Wir setzten uns in Bewegung und erreichten kurze Zeit später den Westerländer Strand.


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Samstag, 9. Dezember 2017

09.12.2017

Das Wunder von Sylt

-Teilstück aus Kapitel 4-

Träumerei

Klar schien auch im Dezember manchmal die Sonne auf Sylt. Meine wunderschöne Insel konnte und wollte ich mir auch gar nicht ohne Sonnenschein vorstellen.
Allerdings stand der gelbe Ball längst nicht mehr so hoch, wie er noch vor einiger Zeit am Himmel platziert war. Auch mein Schatten war jetzt bereits zur Mittagszeit so lang, wie er sonst immer höchstens mal am Abend gewesen war.
Ja, der Winter hatte Einzug gehalten und die Insel bereits kräftig in Beschlag genommen. Den Bäumen hatte er längst ihre Blätter geraubt und diese als braunes Laub auf den Straßen und Wegen verteilt. Neulich, als ich in einen der noch bestehenden Laubhaufen springen wollte, knartschte es sogar, da der erste Frost die Blätter hatte starr werden lassen.
Auch, wenn ich den Sommer mehr liebte, gefiel mir diese Zeit. Es war zwar leider nicht mehr warm, dafür durfte ich jetzt wieder überall an den Strand. Die Insel war auch nicht so überfüllt, und so störte es mich fast gar nicht, wenn Ben mit mir durch die Westerländer Einkaufsstraßen ging.
Häufig lag ich zur Mittagszeit auf meiner Decke vor der Balkontür und genoss den Moment. Wenn dann noch, so wie auch heute, die Sonne schien, schloss ich meine Augen und begann zu träumen.

In den letzten Tagen hatte ich häufiger von meiner Vergangenheit geträumt. Nicht von all den schlimmen Momenten als Straßenhund auf Zypern, so wie ich es früher immer getan hatte. Nein, meine Träume handelten von einer kleinen Hundedame. Von einem Knirps, der mir sehr ähnlich war. Auch sie hatte bernsteinfarbenes Fell, süße Schlappohren und braune Rehaugen. Das Mädchen war schlank wie ich, besaß die gleiche Größe und ebenfalls eine schwarze Lakritznase.
Allerdings wusste ich noch etwas über sie. Ja, ich kannte ihren Namen und nicht nur das. Ich wusste sogar, dass diese kleine Hündin meine Schwester war.
Silly, komm her. Lauf nicht weg von mir! Häufig rief ich diesen Satz in meinen Träumen. Fast immer war es der Moment, wenn die kleine weibliche Schnüffelnase sich umdrehte und verschwand, ohne mit mir in meinem Traum gesprochen zu haben.
Häufig wurde ich in diesem Augenblick von meinem Herrchen geweckt. Zärtlich tat Ben es. Meistens strich er mir sanft über meinen kleinen Kopf und sagte:
Ganz ruhig, kleiner Jake. Alles ist gut. Ich bin bei dir. Du musst keine Angst haben und brauchst nicht im Traum zu jaulen.“ Anschließend sahen wir uns liebevoll an und freuten uns darüber, dass es uns gab. Dass wir gemeinsam hier auf Sylt, am schönsten Fleckchen Erde überhaupt, leben durften.

Auch, wenn ich glücklich darüber war, dass Ben mich beschützen wollte, hätte ich meinen Traum heute gerne weiter geträumt. Vielleicht hätte meine Schwester Silly endlich einmal im Traum mit mir gesprochen. Zumindest im Traumland wäre es möglich gewesen. In einem Traumland war immerhin alles möglich. Wenn es schon nicht im wahren Leben zu realisieren war, wollte ich es zumindest hier erleben. Leider wurden meine Schwester und ich damals getrennt vermittelt. Sie war plötzlich einfach weg und ich alleine.
Wie schön wäre es doch, wenn Ben uns beide hätte nehmen können. Oder wenn ich Silly zumindest noch einmal sehen könnte. Nach meinen Gedanken schnaufte ich tief und legte meinen Kopf auf das Sofakissen neben mir.

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Freitag, 8. Dezember 2017

08.12.2017

Das Wunder von Sylt

-Teilstück aus Kapitel 3-

Unser Gast  

Auch Ben war endlich alle Treppenstufen rauf gegangen und an der Haustür angekommen. Da er den Schlüssel bereits in der Hand hielt, öffnete er die Tür sofort und gab ihr mit seiner Fußspitze einen sanften Stoß.
Während ich sofort in die Wohnung lief, blieb Milo vor der Tür stehen. Es wirkte fast, als würde die Türschwelle ein unüberwindbares Hindernis für ihn sein. Fragend sah er zunächst zu Ben, der sich noch immer im Treppenhaus befand, und anschließend zu mir. Immer wieder wechselte seine Blickrichtung. Ein ängstlicher Ausdruck war in seinen Augen zu erkennen. Einer, der mir verriet, dass Milo sich unsicher fühlte. Es schien, als würde er gleich Neuland betreten. Oder wirkte er doch so, als wäre ihm unbehaglich? Vielleicht erinnerte ihn diese Situation an seine Vergangenheit? An damals, als auch er noch bei Menschen lebte?
Ich hatte keine Ahnung und war mir nicht sicher, ob ich Milo einfach danach fragen durfte. Konnte ich ihn darauf ansprechen? Klar, ich war sein Freund, allerdings gab es auch zwischen Freunden manchmal Momente, die man nicht greifen konnte. In denen man Zweifel hatte, wie man am besten reagieren sollte.
Zum Glück wurde ich von Ben gerettet. Ja, Ben war es, der die für mich unbehagliche Stille durchbrach.
Magst du mit uns in die Wohnung kommen? Schau sie dir an, und vielleicht gefällt es dir ja ein wenig bei uns.“ Während mein Herrchen sprach, strich er sanft über Milos großen Kopf.
Da mein schwarzer Freund noch immer keine Anzeichen machte, sich in Bewegung zu setzen, tat ich es. Langsam ging ich auf Milo zu und stupste ihm, als ich nahe genug bei ihm war, mit meiner Nase gegen die Brust. Anschließend sah ich Milo in die Augen und sagte:
Komm rein, mein Bester. Ich zeige dir, wo ich wohne, und ein Leckerli gibt es ganz bestimmt auch.
Dann drehte ich mich wieder um und ging langsam durch den Flur in Richtung Wohnzimmer. Als ich dort ankam, drehte ich mich erneut herum. Ich wollte nachsehen, ob Milo mir gefolgt war, und rammte ihm meine Nase dabei versehentlich in die Hüfte.
Wrum machst du das? Irritiert wurde ich angesehen.
Ich wollte sehen, wo du bist. Freudig darüber, dass Milo mir ins Wohnzimmer gefolgt war und jetzt direkt vor mir stand, lächelte ich ihn an.
Hier bin ich.
Ich weiß. Ein Nicken begleitete meine Worte.
Wrum fragst du dann?
Weil ich … Dann brach ich meinen Satz ab. Es war nicht wichtig, die Zeit jetzt mit solch überflüssigen Gesprächen zu verplempern. Milo war bei mir. Ich hatte Besuch von einem Freund. Zum ersten Mal überhaupt hatte ich Besuch und freute mich darüber, dass Ben es möglich gemacht hatte. Aber nicht nur das. Noch mehr freute ich mich darüber, dass Milo seinen Mut zusammengenommen und die für ihn schweren Schritte in unsere Wohnung gemacht hatte. Ich wusste nicht, weshalb es so für ihn war. Allerdings wusste ich, dass ich es herausfinden würde. Zwar noch nicht jetzt sofort, aber ganz bestimmt in den nächsten Stunden. Spätestens jedoch bei einem unserer erneuten Treffen.

Ben hatte sich direkt nach unserer Ankunft an seinen Schreibtisch gesetzt. Natürlich nicht, ohne sich vorher einen Kaffee zu kochen. Von diesem Moment an hatte er uns dann allerdings in Ruhe gelassen. Er schien zu wissen, dass es ein besonderer Augenblick und eine außergewöhnliche Situation für Milo und mich war.
Zunächst hatte ich Milo einfach zugesehen, wie er mit seiner riesigen Nase alles erschnupperte. Wie er sich auf diese Weise ein Bild von meinem Zuhause verschaffte. Doch inzwischen hatte ich mich zu meinem Freund gesellt und erklärte ihm, was Bens und was meine Sachen waren.
Auf dem Kissen schlafe ich immer. Wir waren im Schlafzimmer angekommen, und ich deutete auf das Bettchen, das sich direkt neben dem von Ben befand.
Neben meinen Menschen habe ich früher auch immer geschlafen. Das war echt schön. Wehmütig seufzte Milo auf.

Obwohl ich voller Neugier steckte, verkniff ich mir meine Fragen. Einiges wusste ich ja bereits über ihn. Ich fand allerdings, dass er mir die anderen Dinge lieber von sich aus erzählen sollte. Ihn zu bedrängen, hielt ich für falsch.

Weihnachtswunder kann man übrigens auch lesen :-)
Als Taschenbuch direkt über mich ...und hier als E-Book: